Wort und Sinn

Wort und Sinn

Wort und Sinn

Literatur ist die Heimat von Sprache.

Seit der Antike versuchen Philosophen die Dichtkunst zu begreifen und bewerten sie in diesem Prozess äußerst verschieden. Platon nimmt in seinem Werk „Phaidros“ eine Differenzierung zwischen rhetorischer Überredungskunst und dem Wahrheitsgehalt einer Aussage vor. Bis heute fasziniert dieser berühmte Dialog aufgrund seiner Sympathie für eine vernunftwidrige „Manía“ (Wahnsinn), die ausgerechnet der Rationalist Platon Dichtern und Philosophen nicht nur unterstellt, sondern als „göttliche Gabe“ ausdrücklich willkommen heißt. Ohne „Manía“ sei es dem Dichter nicht möglich, Wahrheit auszudrücken.

Wozu Worte?

Worte lassen sich gründlich missverstehen. Oft wird ihr Sinn selbst nach langen Diskussionen, endlosen Gesprächen und ausgeklügelten Vereinbarungen gern und mit voller Absicht fehlinterpretiert. In diesen Fällen wird bewusst daran gearbeitet, die Verbindung zwischen Wort und Sinn zu unterbrechen und Worte so umzudeuten, dass dieselben Worte etwas ganz anderes bedeuten, als ursprünglich gemeint.

Goethes Faust beklagt sich darüber, dass er die Bedeutung von „Wort“ zu Beginn des Johannes-Evangeliums nicht fassen könne. Das griechische Wort „Logos“ würde er lieber mit „Sinn“ anstelle von „Wort“ übersetzen. Diese Episode in Fausts Studierzimmer zeigt auf, dass das Wort nur in Verbindung mit Sinn wirklich „Wort“ ist. Andernfalls degenerieren Worte zu Lauten, die unabhängig davon, ob man eine Sprache beherrscht, unverständlich bleiben. Wenn Worten der Sinn entzogen wird, fühlen sich Menschen isoliert, einsam und überflüssig. Worte transportieren den Sinn von einem Menschen zum anderen. Ist dieser Mechanismus beschädigt, kann keine Kommunikation stattfinden.

Die besondere Leistung von Dichtung und Literatur besteht darin, diese Sprachlosigkeit zu überwinden und Worte in Sinn zu verwandeln. Dabei wirkt speziell Lyrik oft unzugänglich und ermüdend, weil zuerst eine Verbindung zwischen dem Verfasser und dem Leser hergestellt werden muss. Um dies zu erreichen, muss der Leser offen dafür sein, Worte auf sich wirken zu lassen, welche er in einem bestimmten Kontext nicht erwartet hätte oder deren Sinn ihm gar nicht (mehr) geläufig ist. Literatur mutet ihren Lesern sehr viel zu. Eine gelungene Kommunikation zwischen Autor und Leser kann durch diese Herausforderung allerdings auch viel inniger sein, als dies zwischen Komponist und Zuhörer oder Maler und Betrachter der Fall ist. Als Leser sieht man dem Autor beim Denken zu – eine Erfahrung, die außerordentlich lehrreich und heilsam sein kann.

Worte können eine gewaltige Wirkung entfalten, weswegen die unterschiedlichsten Bücher immer wieder verboten oder zensiert wurden. Wenn es dem Schriftsteller gelingt, während des Schreibens den Sinn der Worte so zu erschließen, dass der Leser ihm folgen kann, können sie sein Denken schärfen und ordnen. Auf diese Weise abstrahieren zu lernen, schützt einen davor, sich den Sinn von Worten durch äußere Einflüsse nehmen zu lassen oder ihn aus Unachtsamkeit selbst zu verlieren. So wirken Literatur und Dichtung wie ein Schutzschild, welches das Abgleiten ins gedankliche Chaos durch Sprachlosigkeit verhindert. Dieser Umstand erklärt die Bedeutung von Literatur in den verschiedensten Kulturen. Sie bietet Rückhalt in einer Erzählung, weitet den Blick für das Andere und ermöglicht einen wiederholbaren Vorgang von Verstehen. Dieses Verstehen ist die Grundlage menschlicher Kommunikation. Ohne dieses Verständnis füreinander wären Menschen blind, taub und stumm zugleich.

Sprache als Medium

Sprache ist ein mühsames Vehikel, um Wahrheit auszudrücken. Sie muss verstanden und beherrscht werden, Autor und Leser brauchen dasselbe Gespür für Metaphern und Abstraktionen. Giovanni Boccaccio war allerdings der Ansicht, dass sich die Arbeit, Wahrheit aus Texten herauszulesen, lohne. In seiner „Abhandlung zum Lobe Dantes“ gibt er zu bedenken, dass eben diese Mühe zur Wahrheit führe. Jeder, der ein Buch mehrmals gelesen oder Gedichte auswendig gelernt hat, wird bemerkt haben, dass uns die Texte im Laufe der Wiederholungen verändern. Die Worte sind dieselben, doch vertieft sich ihre Bedeutung. Dieser Prozess des Verstehens ist zwar auch bei anderen Kunstformen zu beobachten. Das Verständnis von Sprache ermöglicht jedoch einen ganz anderen Grad von Selbständigkeit in der Erkenntnis. Der Autor bereitet dem Leser nur den Weg – er muss ihn eigenständig gehen wollen. Für den Dichter bedeutet dies, dass er darauf vertrauen muss, dass sein Leser durch seine Worte auf die gewünschte Vorstellung stößt. Vertreter des sogenannten Realismus gingen seit der Antike davon aus, dass Ideen, Kategorien und Begriffe universell seien, also unabhängig von einem speziellen Gegenstand existieren könnten. Die Verfechter des Nominalismus hingegen glauben, dass alle Begriffe menschliche Abstraktionen seien und die Idee oder Kategorie an sich nicht existiere. Schriftsteller findet man in beiden Lagern. Große Literatur lebt allerdings davon, dass Ideen, Gefühle und Erfahrungen durch sie ausgedrückt werden und aus Worten Sinn erwächst, den der Leser vor allem deswegen erkennt, weil er etwas von sich selbst in diesen Worten wiederentdeckt.

Um dies zu bewerkstelligen, ist Platon zufolge die „Manía“ für den Dichter unverzichtbar. Sehr ausführlich führt er im „Phaidros“ aus, dass reine Rhetorik weniger eine Kunst als eine Technik darstelle. Überzeugungskraft durch technische Fähigkeiten wäre nutzlos, wenn der Redner selbst die Wahrheit nicht kenne. Der sogenannte „göttliche Wahn“ ermögliche es dem Dichter jedoch, den wahren Sinn von Worten zu erschließen und ihn für seine Leser zugänglich zu machen.

Missbrauch von Sprache

Die Literatur bewahrt unsere Vergangenheit, erklärt uns die Welt und gibt uns ein Werkzeug an die Hand, selbst Ordnung in unsere Gedanken und Gefühle zu bringen. Aus diesem Grund ist es unerlässlich, sich der wahren Bedeutung von Worten immer wieder zu vergewissern. Sophisten sind keine ausschließliche Erscheinung der Antike. Menschen, die bewusst Worte in unlogischen oder falschen Zusammenhängen verwenden, sind auch aktuell weit verbreitet. Wer es zulässt, dass Sprache missbraucht wird, um absichtlich Ereignisse, Geschichten oder Erfahrungen zu verfälschen, verliert ein lebensnotwendiges Bindeglied zu seinen Vorfahren, Mitmenschen und Nachkommen. Obwohl augenscheinlich dieselben Worte verwendet werden, dieselbe Sprache gesprochen wird, herrscht breites Unverständnis. Aus sinnverdrehten Worten entsteht eine babylonische Sprachverwirrung, die letztendlich in umfassende Sprachlosigkeit mündet. Dinge, Handlungen und Traditionen verlieren ihren Sinn und werden bedeutungslos.

Goethe wandte sich am 18. Oktober 1827 an seinen Freund Hegel, um ihn auf die Gefahr hinzuweisen, die von Sophisten ausgeht, welche sich der Dialektik bedienen: „Wenn nur solche geistigen Künste und Gewandtheiten nicht häufig gemißbraucht und dazu verwendet würden, um das Falsche wahr und das Wahre falsch zu machen!“, woraufhin Hegel erwiderte: „Dergleichen geschieht wohl, aber nur von Leuten, die geistig krank sind.“

Dichtkunst und Literatur stellen die geeigneten Werkzeuge zur Verfügung, den Absichten von Sophisten entgegenzuwirken. Wer sich auf Literatur einlässt, kann seine Sprache wiederfinden und lernen, sich vor dem Einfluss von Sophisten zu schützen. Worte enthalten und vermitteln Sinn. Wer ihn kennt, kennt sich selbst.

FAZIT

Literatur ist eine sehr ausufernde Kunstform. Wer sich mit ihr beschäftigen möchte, braucht sowohl als Leser als auch als Autor Durchhaltevermögen. Worte entziehen sich dem Zugriff immer gern dann, wenn man nach ihnen sucht. Dieses Phänomen ermöglicht allerdings eine ausdauernde Beschäftigung mit der Essenz von Dingen – ihrem Sinn. Mittels Sprache das Wesen von Seiendem zu erforschen, verbindet den Autor mit seinem Leser. Zwar hat der Schriftsteller keinen Einfluss mehr auf seine Worte, wenn sie einmal abgedruckt sind; er hat seinem Leser aber einen Weg vorgezeichnet, dem dieser folgen kann, wenn er will.

Um den Sinn von Worten zu vermitteln, billigt Platon dem Dichter ausdrücklich eine gewisse Verrücktheit zu, die dieser benötige, um Ideen in ihrem ursprünglichen Zustand auf den Grund zu gehen. Nur mithilfe dieser „Manía“ würde aus einem Rhetoriker ein Dichter.

Literatur ist die Heimat von Sprache. Wer sich mit ihrer Hilfe gegen Angriffe auf Sinnhaftigkeit zu wappnen versteht, kann sich aus den Fängen sogenannter Sophisten befreien. Worte sind nicht beliebig, ihr Sinn ist zugänglich und erfahrbar.

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