Was ist Freundschaft?

Was ist Freundschaft?

Was ist Freundschaft

Online-Freundschaften müssen nicht unbedingt oberflächlich sein – es ist nur schwieriger, sie zu pflegen.

Das Prinzip der Freundschaft wird wenig hinterfragt, das Wort „Freund“ scheint selbsterklärend und seit Facebook hat sowieso jeder mehr Freunde, als ihm lieb ist. Virtuelle Freundschaften sind allerdings nicht deswegen oberflächlich, weil sie sich digital abspielen, sondern werden erst dadurch entwertet, dass man sich nichts zu sagen hat. Dieses Nichtssagende zu verwalten, ist anstrengend und vor allem zeitraubend. Als Aristoteles befand, dass „ohne Freundschaft niemand leben möchte, hätte er auch alle anderen Güter“, hatte er diese belanglose Art von „Freundschaft“ sicher nicht im Sinn.

Seelenverwandte und andere Freunde

Für Aristoteles existieren drei Voraussetzungen, um bei einer Beziehung von Freundschaft sprechen zu können: Wohlwollen, Gegenliebe und Gesinnung. Wer seinen Mitmenschen auf diese Weise begegne, denke dabei nicht in erster Linie an sich selbst, sondern möchte zu erkennen geben, dass er sie schätzt. Aristoteles unterscheidet folgende Kategorien von Freundschaft:

1. Die Seelenverwandtschaft

Freundschaft um des Wesens willen beruht auf einer Art Resonanz zwischen zwei Menschen. Sie wird durch den Wunsch nach Güte geleitet und fragt nicht danach, was ein Mensch für einen Nutzen hat. Diese Beziehung basiert auf Aufrichtigkeit und bedeutet für die befreundeten Personen, dass sie sich im Kreis ihrer Freunde angenommen fühlen, ohne sich beweisen zu müssen. So erfährt man einen Freund als eine Art „zweites Selbst“, wenn die Freundschaft, wie andere Tugenden auch, durch Wiederholung zur Gewohnheit geworden ist. Eine „Seelenverwandtschaft“ ist zwar sehr selten, aber keineswegs ausgeschlossen. Wer über solch einen Freund verfügt, kann sicher sein, dass er auch in schwierigen Zeiten Unterstützung und Trost findet.

2. Die Lust-Freundschaft

Diese besonders unter jungen Menschen verbreitete Art der Freundschaft basiert vor allem auf Vergnügen und Spaß. Es wird gemeinsam gefeiert und gelacht. Erfahrungsgemäß sind solche Freundschaften nicht besonders langlebig und lösen sich bei Problemen sehr schnell in Luft auf. Den „Freunden“ geht es nicht darum, miteinander Zeit zu verbringen, weil sie sich mögen, sondern um nicht allein zu sein. Oft haben Menschen, die diese Art von Freundschaft pflegen, keine gemeinsamen Interessen, was nicht selten zu Streitigkeiten und Langeweile führt.

3. Die Nutz-Freundschaft

Diese Variante der Freundschaft ist sehr weit verbreitet. Freunde helfen sich gegenseitig, unterstützen sich bei Problemen und verbringen viel Zeit miteinander. Solange der Nutzen auf Gegenseitigkeit beruht, bleibt die Freundschaft bestehen. Gerät die Beziehung in ein Ungleichgewicht, etwa dadurch, dass die wechselseitige Abhängigkeit nicht mehr besteht, versandet die Freundschaft still und leise.

Obwohl die „Seelenverwandtschaft“ für Aristoteles die höchste Form der Freundschaft darstellt, verwirft er die anderen Kategorien nicht, da diese spezielle Verbundenheit sehr selten vorkommt. Es wäre ein sehr einsames Dasein, müsste man sein Leben lang darauf warten, eines Tages zufällig seinem „zweiten Selbst“ über den Weg zu laufen, bevor man Freundschaften schließt.

Montaignes Doppelgänger

Sehr viel exklusiver gerät bei Michel de Montaigne die Definition von echter Freundschaft. Für den französischen Philosophen galt nur die „Zweierfreundschaft“ als wahre Freundschaft, wie er sie selbst mit dem französischen Richter Étienne de La Boétie erfahren hat. Da der wahre Freund eine Art Doppelgänger des Ichs sei, müsse sich die Freundschaft auf diese eine Person beschränken. Montaigne begreift den echten Freund also nicht als Ergänzung, sondern als „die vollständige Verschmelzung zweier Seelen“, wie er in seinem Essay „Über die Freundschaft“ ausführt. Alle anderen Freundschaften seien darum eher als „Bekanntschaften“ zu charakterisieren.

Loyalität und Vertrauen

Die meisten Menschen werden nicht nur einen Freund haben und verbringen ihre Zeit mit vielen verschiedenen Personen. Es kommt häufig vor, dass unterschiedliche Hobbys mit diversen Freunden ausgeübt werden. Wenn sich Interessen überschneiden, entstehen ganze Freundeskreise, die sehr gut harmonieren und emotionalen Rückhalt bieten.

Ein wichtiges Merkmal solcher Freundeskreise ist das gegenseitige Vertrauen. Dieses ermöglicht es, sich auch über Persönliches auszutauschen, d. h. Probleme und Sorgen anzusprechen, deren Schilderung nicht für Außenstehende bestimmt ist. Die Chance, mit unseren Freunden Erfahrungen und Gefühle zu teilen, erleichtert und verpflichtet zugleich. Denn wer spürt, dass er frei sprechen kann, ohne dass das Gesagte über den Freundeskreis hinaus bekannt wird, gesteht auch seinen Freunden zu, sich etwas „von der Seele zu reden“. Freunde erwarten daher ein hohes Maß an Zuverlässigkeit voneinander.

Der Vertrauensbruch

Leider kommt es auch in gefestigten Freundschaften immer wieder zu Brüchen, weil der „beste Freund“ sich doch nicht als der „Beste“ erwiesen hat. Streit, Lästereien und Eifersucht wird jeder aus eigenem Erleben kennen. Wenn Vertrauen missbraucht wurde, herrscht in der Regel erst einmal Fassungslosigkeit. Solch eine Situation positiv zu bewerten, fällt schwer. Es kann aber durchaus eine große Hilfe sein, jemanden endlich richtig einschätzen zu können. Wer seine anfängliche Enttäuschung überwunden hat, kann die richtigen Lehren aus solch einem massiven Vertrauensbruch ziehen:

– Es besteht immer die Möglichkeit, dass man sich getäuscht hat und es zu einem Missverständnis gekommen ist, welches sich durch eine aufrichtige Entschuldigung noch beheben lässt. Das spricht für den Freund und kann sogar noch enger zusammenschweißen.

– Sollte es zum absoluten Vertrauensbruch gekommen sein, ist dies eine Erfahrung, die einen selbst weiterbringt. Man kann sich in Menschen täuschen. Das bedeutet aber ausdrücklich nicht, dass wir nie wieder vertrauen dürfen. Es kann überhaupt nicht schaden, jedem Menschen, der einem zum ersten Mal begegnet, anfangs Vertrauen zu schenken. Andernfalls müsste man jede neue Beziehung auf Misstrauen aufbauen, welches nur durch regelmäßige Verständigung im Laufe der Zeit abgebaut werden könnte. Eine traurige Vorstellung für jede Freundschaft – möchte man sich in seiner Freizeit nicht nur über Alltägliches oder Triviales austauschen.

Wir brauchen alle irgendwann einmal Hilfe. So sehr man versucht, autark und emotional ausgeglichen zu leben – manchmal ist alles zu viel und man ist sich selbst nicht genug. In solchen Momenten erweist sich ein Freund oder „Seelenverwandter“ als regelrechter Rettungsanker. Daher ist es eine lohnende Aufgabe, anderen Menschen zur Seite zu stehen, wenn sie Rat suchen. Hilfe zu leisten, ist mehr als Höflichkeit oder eine Kosten-Nutzenabwägung; man kann sehr viel über sich selbst lernen, wenn man anderen Menschen hilft.

FAZIT

Es gibt viele unterschiedliche Arten von Freundschaft, die alle ihren Nutzen und ihre Berechtigung haben. Facebook- und andere virtuelle Freunde bilden hier keine Ausnahme. Online-Freundschaften müssen nicht unbedingt oberflächlich sein – es ist nur schwieriger, sie zu pflegen.

Dabei ist die „Seelenverwandtschaft“ die seltenste und für so manchen Philosophen die einzig wahre Form der Freundschaft. Aber auch die Nutz-Freundschaft kann erfüllend und wichtig sein. Menschen können nicht in ständigem Misstrauen ihren Mitmenschen gegenüber verharren, wollen sie ein erfülltes Leben leben. Es ist wichtig, sich mit Gleichgesinnten zu verabreden, Unterstützung anzubieten und selbst die Hilfsbereitschaft anderer Menschen zu erfahren. Vertrauen ist dabei unerlässlich.

Wurde Vertrauen missbraucht, war es kein grundsätzlicher Fehler, anderen Menschen vertraut zu haben. Menschen sind verschieden und verdienen es, dass man ihnen mit Wohlwollen begegnet. Zu diesem Wohlwollen gehört es, sich für das Gegenüber zu interessieren und Anteil an seinem Leben zu nehmen. Es ist auch für unser eigenes Leben sehr aufschlussreich zu erfahren, dass andere Menschen auf uns angewiesen sind. Auf diese Weise entsteht ein Beziehungsgeflecht, das sehr viel zu geben hat und uns auffangen kann, wenn wir auf Hilfe angewiesen sind.

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