Was bedeutet Zivilisation?

Was bedeutet Zivilisation?

Was bedeutet Zivilisation

Wir müssen uns immer wieder die Frage nach der Bedeutung von Zivilisation stellen.

Der Anthropologe und Soziologe Arnold Gehlen stellte in seinem Werk „Urmensch und Spätkultur“ die These auf, dass Zivilisationen in erster Linie durch religiöse Tabus entstanden seien. Gehlen vertrat die Überzeugung, dass das Argument der Nützlichkeit als Erklärungsversuch für das Entstehen von Zivilisation nicht hilfreich sei, da sich die Nützlichkeit von Handlungen nur im Nachhinein erweise, während religiöse Überzeugungen ohne eine reale Versuchsanordnung auskämen. Einfacher ausgedrückt: Man muss nicht alles selbst ausprobieren, um zu begreifen, was nützlich oder schädlich ist.

Göbekli Tepe und die Anfänge von Zivilisation

Der Archäologe Klaus Schmidt will bei seinen Ausgrabungen im türkischen Göbekli Tepe an einem Siedlungsplatz aus der Jungsteinzeit auf Beweise dafür gestoßen sein, dass diese Siedlung nicht aus wirtschaftlichen Gründen oder ökologischen Zwängen erbaut wurde, sondern religiös motiviert war. Als Argument für seine These führte er an, dass man dort weder Wohnanlagen noch Befestigungen entdeckte, sondern weitläufige Kreisanlagen zum Vorschein kamen, deren religiöser Zweck offensichtlich sei.

Man muss selbst kein religiöser Mensch sein, um die Bedeutung religiöser Einsichten und Weltanschauungen für die Entstehung menschlicher Zivilisation zu erkennen. Moralische Pflichten und Verhaltensweisen haben entscheidend dazu beigetragen, dass sich Gruppen von Menschen zusammenfinden konnten, ohne primär aufgrund von offenkundiger Nützlichkeit für Einzelpersonen Entscheidungen zu treffen, sondern das Wohl einer Gemeinschaft auch in der Zukunft in Abläufe und Handlungsanweisungen einzubinden. Sogar der „Gottesmörder“ Nietzsche gelangte in seiner Arbeit „Menschliches, Allzumenschliches“ zu der Erkenntnis, dass die Unruhe in westlichen Ländern stetig zunehme, was für die westliche Zivilisation einen kulturellen Niedergang zur Folge habe. Nietzsche wagte gar den Ausblick: „Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine neue Barbarei aus.“ Er schrieb dies bereits im Jahr 1878!

Ist Wissenschaft nicht dasselbe wie Zivilisation?

Wissenschaftliche Erkenntnisse haben technologische Entwicklungen begünstigt, angebliche Bewegungsfreiheit ermöglicht, das Tempo von Kommunikation erhöht und soll uns Menschen aus unserer Abhängigkeit von der Natur befreit haben. Vordergründig mag dies zutreffen. Wer sich jedoch etwas intensiver mit wissenschaftlichen Errungenschaften beschäftigt, muss leider feststellen, dass die meisten Entdeckungen aus dem 19. Jahrhundert stammen. (Jeder, der sich für Computer interessiert, wird wissen, dass Lord Kelvin 1872 der Erfinder des ersten analogen Computers war.)

Medizinischer Fortschritt ist nicht zu unterschätzen, wurde aber bereits durch strikte Hygienemaßnahmen im 19. Jahrhundert vorangetrieben. Berühmt wurde in dieser Hinsicht die britische Krankenschwester Florence Nightingale, der es während des Krimkrieges von 1853-56 gelang, die Todesrate in britischen Lazaretten um 90% zu reduzieren. Denn die Mehrheit der Soldaten fiel nicht im Gefecht, sondern starb an Infektionskrankheiten und Unterernährung.

Darüber hinaus stammt der Dieselmotor aus dem Jahr 1893. Was wir also hinter uns haben, ist ein Jahrhundert der Weiterentwicklung von Erkenntnissen, die bereits 150 Jahre alt sind. Paradigmenwechsel oder technische Revolutionen sind trotz medialer Hypes nicht in Sicht.

Der amerikanische Mathematiker Wolfgang Smith führt diese Stagnation westlicher Wissenschaft darauf zurück, dass die westliche Kultur ihre angebliche „Wertfreiheit“ und „Wissenschaftlichkeit“ selbst zu einem zentralen Dogma erhoben habe, welches nicht hinterfragt werden dürfe. Ein sehr bekanntes Beispiel hierfür ist der Philosoph und Mathematiker William Dembski, der es wagte, die Art und Weise, wie man sich Evolution vorstellen solle, infrage zu stellen, da sie vom mathematischen Standpunkt aus betrachtet nicht haltbar sei. Interessanterweise reagiert die „wertfreie“ Wissenschaftsgemeinde auf Kritik an ihren Dogmen – gänzlich unwissenschaftlich – mit Verleumdung und Verständnislosigkeit. Dass diese abwertende Haltung gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen zu Stagnation führen muss, ist offensichtlich. Man stößt hier auf eine Verhärtung der Gemüter, die sonst immer gern bei Ideologen oder Gläubigen diagnostiziert wird.

Ehrlichkeit als Tugend

Der schottische Moralphilosoph Alasdair McIntyre gelangte in seiner Untersuchung „Der Verlust der Tugend“ zu der Auffassung, dass Zivilisationen nur dadurch bestehen können, dass sie sich auf eine gemeinsame Tradition berufen. Heutzutage sei es zwar nicht mehr möglich, sich gegen andere Traditionen abzuschotten. Für eine erfolgreiche Gemeinschaft sei allerdings entscheidend, dass sie ihren Nachkommen sowohl einen Grund biete, die Tradition fortzusetzen, als auch die Möglichkeit eröffne, behutsame Veränderungen vorzunehmen. McIntyre argumentiert, dass die Entwicklung von Tradition nur gelinge, wenn Bewahrung und Veränderung einander ergänzen. Diese Einsicht widerspricht weder der Praxis von Wissenschaft noch der Bewahrung von Kultur und Traditionen. Daher muss sich eine Zivilisation zuallererst mit der Frage beschäftigen, was Wissenschaft bezwecken soll:

  1. Steht sie in erster Linie in einem wirtschaftlichen Kontext? Nützt sie einigen wenigen Unternehmen, die davon profitieren, möglichst viele unwissende Konsumenten an sich zu binden?
  1. Soll Wissenschaft zum Erhalt von Macht dienen? Erweist sie sich als nützlich zur Bewältigung von Konflikten oder sichert sie wenigen Individuen ihren Herrschaftsanspruch, weil Einzelpersonen über wissenschaftliche Erkenntnisse verfügen, die es ihnen ermöglichen, die Entstehung von Opposition zu unterbinden?
  1. Kann Wissenschaft Religion ersetzen? Wie begründet man die Überlegenheit von Wissenschaft gegenüber Religion, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse geglaubt werden müssen, weil sie sich er Wahrnehmung entziehen?
  1. Ist es möglich wissenschaftlich zu arbeiten, ohne neue Dogmen zu etablieren? Hier kommen wir wieder auf die Mathematik zurück, die streng logisch und abstrakt vorgeht und weniger danach fragt, welche Weltanschauung ihre Theoreme verletzen.

Um also Wissenschaft und Tradition in Einklang zu bringen, wäre Ehrlichkeit gefragt. Die Ehrlichkeit der Wissenschaft vor sich selbst, vor ihren Verfehlungen, Lücken und logischen Fehlschlüssen, aber auch das Bewusstsein bei Vertretern der Konservativen, dass Tradition nicht Stillstand bedeutet.

Zivilisation und Moral

Zu dieser Ehrlichkeit gehört es, nicht alles in die Tat umzusetzen, was machbar scheint. Viele wissenschaftliche Errungenschaften sind moralisch fragwürdig und wirken sich auf das menschliche Zusammenleben negativ aus. Wenn allerdings der Nutzen solcher „Errungenschaften“ für Menschen nicht erkennbar ist, warum sollten sie Anwendung finden? Zum Bestand einer Zivilisation gehört es, Entwicklungen, welche ihr schaden, kritisch zu begleiten und, wenn nötig, zu stoppen. Das bedeutet, dass die Anwendung von Wissenschaft in einem bestimmten gesellschaftlichen Kontext stattfinden muss, um sich positiv auf die Zivilisation auszuwirken. Unterbleibt diese Risikoabwägung, laufen Prozesse aus dem Ruder und zerstören eine Zivilisation von innen.

Fazit

Viele Anthropologen sind davon überzeugt, dass Zivilisation durch kultische Handlungen entstand. Die Nützlichkeit bestimmter Prozesse als Maß für deren Erfolg zu verstehen, wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Religion beschleunigte den Zivilisationsprozess, weil sie Menschen ermöglichte, auf den unmittelbaren, individuellen Nutzen ihrer Handlungen zugunsten einer längerfristigen und altruistischeren Perspektive zu verzichten. Volkswirte bezeichnen das als Zeitpräferenz und schließen bei einer hohen Zeitpräferenz auf größeren Wohlstand in der Zukunft.

Wissenschaftlicher Fortschritt hat im Westen seit mehr als einem Jahrhundert nicht mehr stattgefunden. Einige Wissenschaftler machen starre Dogmen innerhalb des wissenschaftlichen Establishments dafür verantwortlich. Obwohl viele Forscher diese Sackgasse bemängeln, findet kaum Veränderung statt.

Wissenschaft braucht einen Rahmen, innerhalb dessen definiert werden kann, was erforscht werden soll. Da sich allgemein bewährt hat, Wissenschaft aus einer menschlichen Perspektive zu praktizieren, wäre es nötig, Wissenschaft in den Dienst von menschlicher Zivilisation zu stellen und nicht umgekehrt. Traditionen können in diesem Fall gewährleisten, dass wissenschaftliche Erkenntnisse nicht dazu missbraucht werden, Zivilisation zu vernichten.

 

Von einem moralischen Standpunkt gesehen, wäre ein hohes Maß an Ehrlichkeit und Integrität erforderlich, Wissenschaft in die Bewahrung von zivilisatorischen Errungenschaften zu stellen und nicht Zivilisation durch angebliche wissenschaftliche Erkenntnisse zu zerstören.

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