Vorwort zu meinem Buch “Sicherheit ist sekundär”

Vorwort zu meinem Buch “Sicherheit ist sekundär”

Vorwort zum Buch Sicherheist ist sekundaer

Eine persönliche Gründer-Geschichte aus der zweiten Genera­tion einer türkischen Migrantenfamilie

Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich einen Mann, der so ziemlich alle beruflichen Bahnen durchlaufen hat: Ferienarbeiter und Nebenjobber, im fes­ten und sicheren Angestelltenverhältnis als angehender Polizeibeamter, dann Gründer, Unternehmer und schließlich Business Angel. Mein Lebenslauf ist lang. So lang, dass er nur noch in ein Buch passt.

Aufgewachsen im Satellitenviertel in Düren, einem am Reißbrett entworfenen Gelände im Osten der Stadt, auch „Sattes“ genannt. Nach dem Wunsch meiner Eltern war ich angehalten, ei­nen soliden Beruf auszuüben. Wie der aussehen sollte, davon hatte mein Vater eine ziemlich genaue Vorstellung: Bestenfalls als Arzt in einer Klinik, mit einem Stethoskop um den Hals, immer das Wohl der Patienten im Sinn. Schlimmstenfalls aber Anwalt.

Jedoch sah ich mich nicht mit quietschenden Sandalen und einem wehenden, weißen Kittel über den hell erleuchteten Flur einer Klinik eilen, von einer Visite zur nächsten. Ich hatte anderes vor: Schon seit meiner Kindheit wollte ich Polizist werden. Diesen Plan behielt ich lange für mich.

Für meinen Berufswunsch galt 1994 die Grundvoraussetzung, die türkische gegen die deutsche Staatsbürgerschaft zu tauschen. Nur so war es möglich, irgendwann die damals noch grüne Uniform tragen zu dürfen. Es dauerte fast ein Jahr, bis ich endlich die Urkunde mit dem Bundesadler in meinen Händen hielt. Stolz zeigte ich sie meinen Eltern und weihte sie damit schließlich in meinen Berufswunsch ein. Ungläubig starrten sie auf das Dokument. In die­sem Moment brach für sie eine Welt zusammen. Zwei Welten, um genau zu sein. Einerseits, so meinten sie, verloren sie ihren Sohn an die deutsche Ge­sellschaft. Vater und Mutter waren verängstigt, ich könne ihrer Identität den Rücken kehren und meine Herkunft vergessen. Und nicht weniger schlimm war für sie mein Wunsch, einem Beruf nachgehen zu wollen, in dem ich mich, der Ansicht meines Vaters nach, nur mit den Verbrechern der Gesellschaft beschäftigen würde. Meine Eltern waren zutiefst gekränkt und sprachen zwei Wochen lang nicht mehr mit mir. Als ich dann bei der Polizei den schwierigen Auswahlprozess bestand, waren die Nachbarschaft und das türkische Umfeld stolz auf mich. So freundeten sich auch meine Eltern mit meinem künftigen Beruf an. Mein Vater wurde zunehmend glücklicher und brüstete sich immer häufiger in der Öffentlich­keit, dass sich sein Sohn ab sofort keine Sorgen mehr um seine Zukunft ma­chen müsse. Schließlich kümmere sich Vater Staat um seine Beamten. Und außerdem gab es ja noch meinen jüngeren Bruder, der heute tatsächlich als Oberarzt in einer Uniklinik arbeitet.

Ich liebte meinen Job als Polizist. Es gab nichts Besseres für mich. Bis zu dem Tag, an dem ich das Internet für mich entdeckte. Es war um die Jahrtau­sendwende herum. Ein Kollege zeigte mir die Website, die er programmierte. Mich hielt es kaum auf dem Sessel in jenem Berliner Internetcafé, einem der ersten in der Hauptstadt. Sofort war ich Feuer und Flamme: „www.mitfahr­zentrale.de“. Die Möglichkeiten der neuen digitalen Welt waren offensichtlich und vor meinem geistigen Auge sah ich mich schon als Betreiber nicht nur dieser Webseite, sondern auch von anderen Angeboten: Kfz-Anzeigen, Stel­lenanzeigen und Immobilienbörsen.

In den darauffolgenden Monaten ließ mir das keine Ruhe mehr: Mein Herz schlug nur noch für das Internet. Die Polizistenlaufbahn war damit für mich am Ende, denn dort sah ich plötzlich keine Perspektive mehr. Das Internet war für mich die neu entdeckte See, in deren tosende Wellen ich als Aben­teurer mit meinem Boot stechen wollte, auf der Suche nach neuen Ufern, die anderen bis dahin verborgen blieben. Nichts und niemand sollte mich je daran hindern. So kündigte ich ein halbes Jahr vor meiner Verbeamtung mei­nen Job. Dieses Mal redeten meine Eltern ganze zwei Monate nicht mit mir. Das kümmerte mich wenig, denn ich hatte für Gespräche ohnehin keine Zeit.

Mein Kollege, der die Website programmierte und ebenfalls Polizist war, wur­de zu meinem Geschäftspartner und die Gründung unserer ersten GmbH stand an.

Wie sich später herausstellte, erzählten meine Eltern jedem, dass ich einen PC-Handel aufgemacht hätte. Während im Ort und in der türkischen Nach­barschaft das Gerücht kursierte, es handle sich bei meiner Geschäftsidee um ein Internetcafé, erhielten mein Gründungspartner und ich von der örtlichen Sparkasse ein Existenzgründerdarlehen in Höhe von 100.000 Euro. Über die­sen ersten Erfolg staunten wir selbst nicht schlecht. Wir krempelten die Ärmel hoch. Weil wir uns sicher waren, dieses Geld in kürzester Zeit zu verdoppeln, vielleicht sogar zu verdreifachen, wahrschein­lich aber sogar verzehnfachen würden, richteten wir eine Arbeitsumgebung ein, die zu unserem Vorhaben passte: Als Zwei-Mann-Unternehmen suchten wir uns eine Bürofläche von über 280 Quadratmetern, genug Platz für das Ego zweier Gründer, die die Welt der Mobilität revolutionieren wollten. Na­türlich nicht allein. Auch wenn von Personal noch keine Spur zu sehen war, stellten wir 16 großzügig eingerichtete Arbeitsplätze bereit, um dem bevorste­henden Mitarbeiteransturm in der nächsten Zeit Rechnung tragen zu können. Es sollte allen gut gehen bei uns und niemandem an etwas fehlen.

Der Glaube, bereits ab dem ersten Monat Geld zu verdienen, verdammt viel Kohle zu schaufeln, war uns so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir mit einem Dauerlächeln beseelt waren. Und irgendwann, nach vielen Tagen Auf- und Umbau in unseren Büros und dem Einrichten der Arbeitsplätze kam ich dann zur Ruhe. Während mein Partner konzentriert am Code schrieb, saß ich an meinem Rechner. Es war still, nichts bewegte sich. Weder im Raum noch in meinem digitalen Postfach. Dabei wartete ich auf eine Flut von An­fragen potenzieller Werbekunden. Immer wieder kontrollierte ich das Mail­fach. Stimmte irgendetwas mit der Verbindung nicht? Es ging keine E-Mail ein. Nicht eine Einzige. Auch am nächsten Tag nicht. Und am Tag darauf ebenfalls nicht. Was war los? Niemand schrieb mir. Niemand erkundigte sich nach unseren Werbepreisen. Ich schaute in der Excel-Tabelle nach. Dort hat­ten die Zahlen dem Plan nach schon kräftig zugelegt. Doch die Wirklichkeit hinkte hinterher. Genau genommen bewegte sich in unserem Office nichts. Wir waren weit, weit entfernt davon, die Korken knallen zu lassen, so wie wir es uns vorgestellt hatten.

Mit dem Schritt ins Unternehmertum hatte ich natürlich auch sofort meine Wohnung gekündigt. Schon in Kürze wollte ich eine angemessene Residenz mein Eigen nennen. Zumindest war das der Plan gewesen. Tatsächlich rück­te der Tag näher, an dem ich meine Sachen packen und aus meiner kleinen, aber bezahlbaren Wohnung ausziehen musste. Ich stand mit Sack und Pack auf der Straße, ohne festen Wohnsitz. Mein spärliches Inventar hatte ich be­reits verkauft. Mein Sportwagen, ein roter Ford Probe 24V, wurde somit zu meinem neuen Zuhause auf Rädern. Es war nicht so, dass ich mir zu diesem Zeitpunkt keine andere Wohnung hätte leisten können. Doch als frischge­backener Gründer konnte ich in der kurzen Zeit keinen Vermieter davon überzeugen, auch in sechs Monaten noch die Miete pünktlich und verlässlich zahlen zu können.

Also schlief ich im Auto. Meine Wäsche wusch ich im Waschsalon, mich selbst im Büro, wo ich die meiste Zeit verbrachte. Ab und zu war auch ein Besuch im Schwimmbad an der Reihe. Das Ganze ertrug ich knapp drei Mo­nate, bis ich endlich in einem Schwesternwohnheim ein günstiges Zimmer bekam. Ich redete mir mein neues Zuhause schön, indem ich mir vorstellte, ein paar hübsche Krankenschwestern kennenzulernen. Doch das Gesetz der Resonanz kam zur Anwendung. Meine schlechte Moral und die eigentliche Unlust, mit anderen zu reden, waren dafür verantwortlich, dass mir keine einzige Bewohnerin über den Weg lief.

Ging ich in meiner anfänglichen Naivität davon aus, mir im Glanze meines unternehmerischen Erfolgs alles leisten zu können, was ich mir wünschte, sah die Realität schon nach einigen Wochen grausam aus. Die erste wichtige Lek­tion hatte ich somit gelernt: Unternehmer sein ist nicht leicht. Sonst würde es jeder machen. Diese Lektion sollte nicht die letzte gewesen sein, die mich bis an die persönliche Grenze treiben würde.

Ich schreibe dieses Buch, um den unbequemen Weg eines Gründers darzustel­len. Es ist eine individuelle Geschichte, die dich, lieber Leser, hoffentlich immer mal wieder zum Lachen bringen, aber auch zum Nachdenken anregen wird. Das Ziel des Buchs ist es, angehenden Gründern Mut zu machen und ihnen die Angst vor dem Scheitern zu nehmen. Erfolg und Misserfolg liegen sehr nah beieinander. Ihr Zusammenspiel ähnelt einer verbotenen Liebe zweier unter­schiedlicher Charaktere, die nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander können. Das Gefühl puren Glücks und der absolute Tiefpunkt sind ebenfalls nicht weit voneinander entfernt. Hattest du eben noch aus voller Brust dein Glück zum Fenster hinaus gebrüllt, weil ein großer Deal zustande kam, hängst du unerwartet wenige Sekunden später über dem Klo und würgst dein Inneres nach außen, weil eine Mahnung per Fax hineingeflattert kam. Andere Unter­nehmer, denen dieses Buch in die Hand fällt, werden das bestätigen können. Sie werden sich in einigen Situationen vermutlich sogar wiedererkennen.

Ich schreibe dieses Buch in der Hoffnung, viele Menschen zu erreichen und ihnen zu zeigen, welche großartigen Möglichkeiten vor ihnen liegen, wenn sie bereit sind, sich auf den Weg zu machen, sich für ihre beruflichen und privaten Ziele in Bewegung zu setzen. Egal wie steinig der Weg auch sein wird. Auf das Feedback meiner Leser bin ich sehr gespannt. Über Facebook habe ich viele positive Rückmeldungen bekommen, immer dann, wenn ich kleine Anekdoten geteilt habe oder nach Vorträgen, zu denen ich eingeladen wurde. Weil die Geschichten bis heute nirgends verewigt wurden, habe ich mich an die Arbeit gemacht, sie wieder auszugraben und festzuhalten. Es ist mir eine große Freude, daran zu denken, dass meine Erlebnisse für andere von Bedeu­tung sein könnten.

Weil Beziehungsaufbau, Community und Freundschaften meine großen Mo­tivationen sind, würde ich mich sehr darüber freuen, von dir eine Nachricht zu erhalten, wenn du das Buch zu Ende gelesen hast. Auf dem Weg dorthin wünsche ich dir nun viel Spaß und viele neue Erkenntnisse.

Dein Josh

Coskun Tuna,

Düren/Köln, im September 2019

Mein Buch habe ich als Selbstverleger im September 2019 auf Amazon veröffentlicht: Sicherheist ist sekundär (Link führt zum Buch auf Amazon)

Solltest du an einer Rezension interessiert sein, kannst du mich gerne direkt anschreiben. Dann kann ich dir das Buch auf dem Postwege zukommen lassen.

Bitte lass mich aber auch an deinen Erfahrungen und Erlebnissen teilhaben. Ich bin sehr gerne an einem persönlichen Austausch interessiert. Schreibe mir dazu in mein Kommentarfeld oder schreibe mir über mein Kontaktformular.

Foto: Maren Kuiter Fotografie

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Ilja Pawel

    Hallo Josh, auf jeden Fall eine spannende Lebensgeschichte. Dagegen ist meine fast schon langweilig. Ich bin viel später drauf gekommen, selbstständig zu agieren. Und ich muss sagen, es ist und bleibt eine emotionale Achterbahnfahrt. Dazu braucht man eine starke Persönlichkeit und selbst das ist kein Erfolgsgarant. Ich wünsche Dir weiterhin Kreativität, Mut, Umsetzungsstärke, Durchhaltevermögen und Gesundheit für alle deine Ziele. Viele Grüße Ilja

    1. Hallo Ilja, vielen Dank für dein Feedback! Es kostet in der Tat viel Kraft. Allerdings wir gehen jedes Mal stäker aus den Herausforderungen hervor. Dennoch sollte jeder für sich selbst genau überlegen, welche Herausforderungen er wirktlich zu gehen bereit ist. Auch ich wünsche dir auf deinem Weg alles Gute und hoffe, dass wir in Verbindung bleiben. Grüße Josh

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