Vertrauen durch das Hüten von Geheimnissen

Vertrauen durch das Hüten von Geheimnissen

Geheimnisse hueten

„Wenn Du wünschst, dass ein anderer Dein Geheimnis bewahre, dann bewahre es zuerst selbst.“

So lautet ein aufschlussreicher und vielsagender Spruch des römischen Dichters und Philosophen Seneca. Er will mit seiner Aussage darauf hinaus, dass das Bewahren eines Geheimnisses eine Leistung ist, die Disziplin, Ausdauer und Scharfsinn erfordert. Nicht jedem sind diese Eigenschaften gleichermaßen und von Natur aus gegeben. Sie lassen sich jedoch bis zu einem gewissen Grad einüben. Wer dieses Training absolviert hat, wird verstehen, warum man es sich genau überlegen sollte, wem man aus welchem Grund Geheimnisse anvertraut.

Schweigepflicht und Datenschutz als vertrauensbildende Maßnahmen

Priester, Anwälte und Ärzte sind einer Schweigepflicht unterworfen. Das liegt daran, dass diesen Menschen Informationen übermittelt werden oder diese Personen Erkenntnisse gewinnen, die Schaden anrichten könnten, würden sie öffentlich zugänglich. Wie es um einen Patienten bestellt ist, geht nur diesen selbst etwas an. Ähnliches gilt für das sogenannte Beichtgeheimnis, das es dem Gläubigen ermöglicht, vor Gott seine Schuld zu bekennen ohne vor einen menschlichen Richter treten zu müssen. Mandanten könnten ihren Anwälten nicht vertrauen, unterlägen diese nicht der Schweigepflicht. Daten- und Fernmeldegeheimnis, welche es Geheimdiensten verbieten, auf die Kommunikation ihrer Bürger zuzugreifen, haben das Entstehen einer sogenannten „Zivilgesellschaft“ überhaupt erst möglich gemacht. Aus demselben Grund legen Bürger der Bundesrepublik viel Wert auf den Schutz ihrer persönlichen Daten: Nicht jedes Telefonat, jeder Brief oder jeder Kontakt sind verdächtig. Doch wird das Vertrauen von Bürgern in ihren Staat durch unverhältnismäßige staatliche Überwachung geschwächt. In diesen Fällen gelten Geheimnisse also als vertrauensbildende Maßnahme.

Warum sollten Geheimnisse gehütet werden?

Geheimnisse ergeben sich meist aus Entwicklungen, die nicht von allen Menschen gleichzeitig geteilt werden.

1. Auf der persönlichen Ebene können das beispielsweise Gedankenblitze wie Erfindungen oder künstlerische Inspirationen sein. Diese sofort auszuplaudern würde jedoch verhindern, dass eine Erfindung verwirklicht wird oder ein Kunstwerk entstehen kann. Das liegt daran, dass Gedanken erst ausformuliert und durch Argumente untermauert werden müssen, um von Außenstehenden verstanden zu werden. Dieser argumentative Prozess kann erst nach der Realisierung von Erfindung oder Kunstwerk vonstattengehen und würde alle Kreativität mit einem Schlag vernichten, würden Künstler oder Erfinder im Anfangsstadium ihre Inspiration zerreden.

2. Entwicklungen innerhalb einer Familie sind niemals abgeschlossene Prozesse. Nicht jeder Streit und schon gar nicht jede kleine Uneinigkeit bedeuten, dass es innerhalb einer Familie kriselt. Im Gegenteil: Eine Familie lebt von ihrer Dynamik, welche nicht immer für alle Mitglieder einer Familie im selben Ausmaß verständlich oder angenehm ist. Wer Familiendynamik als „dysfunktional“ auffasst und Außenstehende gegen den Willen der anderen Familienmitglieder „ins Boot holt“, untergräbt das Vertrauen der einzelnen Familienmitglieder untereinander. Leider lohnt es sich oft nicht, mit Personen außerhalb einer Familie über innerfamiliäre Angelegenheiten zu sprechen, da diese unter Umständen noch viel gravierendere Streitigkeiten erleben oder Ratschläge erteilen, die man heutzutage aus jedem Lifestyle-Magazin erfahren kann. In solchen Fällen hat man das Vertrauen der nächsten Angehörigen umsonst missbraucht.

3. Offensichtlich wird die Notwendigkeit, Geheimnisse zu bewahren, innerhalb von Geheimdiensten bzw. Unternehmen, in denen technologische Umbrüche stattfinden. Unternehmen und Staaten müssen sehr genau darauf achten, wen sie in ihre entscheidenden Behörden und Abteilungen aufnehmen. Geheimnisse in diesen Positionen entscheiden häufig darüber, ob ein Unternehmen bzw. Staat erfolgreich ist oder vom Markt verschwindet bzw. seine Souveränität einbüßt. Daher gilt in diesen Kreisen das Wort Senecas umso mehr: Nur wer Geheimnisse bewahren kann, dem werden Geheimnisse anvertraut.

Zwar unterscheiden sich diese drei Ebenen in der Tragweite, die ihre jeweiligen Geheimnisse einnehmen, das grundlegende Prinzip der Selbstdisziplin und Verlässlichkeit bleibt jedoch dasselbe. Geheimnisverrat lässt daher auf Schwäche und Charakterlosigkeit schließen.

Warum Geheimnisse nichts Schlechtes sind

Im Zusammenhang mit technologischen Revolutionen oder Staatsgeheimnissen wird deutlich, dass Geheimnisse weder veraltet noch belanglos sind. Das Wort „Geheimnis“ wird oft als Vorenthalten von Informationen oder dem Ausschluss von Personen missverstanden. Die Wichtigkeit einer Information kann von ihrem Kontext abhängen. Manchmal ist der Kontext nur wenigen Personen bekannt. Das kann daran liegen, dass zum Begreifen eines Zusammenhangs besondere Kenntnisse oder Fähigkeiten nötig sind, über die nicht alle Personen in gleicher Weise verfügen. Ein simples Beispiel für solch eine Situation sind Betriebsgeheimnisse, die es einem Unternehmen ermöglichen, durch verfeinerte Rezepturen, spezielle Anwendungen oder neue wissenschaftliche Erkenntnisse auf einem bestimmten Gebiet Marktführer zu werden. Betriebsgeheimnisse können oft gar nicht ohne spezielle Vorkenntnisse oder besondere, lang trainierte Fähigkeiten verstanden werden. Daher besteht die Art und Weise der Geheimhaltung darin, dass zum Verständnis eines Geheimnisses eine gewisse Vorbildung gehört, bevor ein Geheimnis überhaupt in seiner gesamten Bedeutung verstanden werden kann. Das Ausplaudern solcher Geheimnisse würde auf großes Unverständnis oder gar Ablehnung bei all denjenigen stoßen, denen die Einsicht in die Problematik fehlt.

Auch im privaten Bereich sollte man berücksichtigen, ob derjenige, dem man ein Geheimnis anzuvertrauen gedenkt, in der Lage ist, mit diesem umzugehen. Ein berühmtes Beispiel für einen derartigen Fall führt Mark Twain in seinem Roman „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ an. Hier bittet der Titelheld seine Angebetete darum, für einige Zeit zu verreisen, nachdem er ihr sein Geheimnis anvertraut hat, weil man „in ihrem Gesicht lesen könne, wie in einem Buche“. Die schmerzhafte Lektion für Huckleberry Finn bestand darin, dass das Mädchen mehr unter seinem Geheimnis zu leiden hatte als er selbst. Die Verantwortung für die Weitergabe von Informationen liegt daher immer bei dem Weitergebenden. Verrat war und ist bis heute eines der schwersten Verbrechen, dessen man sich schuldig machen kann.

Vertrauen beruht auf der Wahrung von Geheimnissen

Vertrauen entsteht nur, wenn sichergestellt ist, dass bestimmte Informationen vertraulich behandelt werden. Im kleinen Rahmen gilt das für die Ehe. Familiengeheimnisse fördern Vertrauen und Zusammenhalt in der Familie, Staats- und Betriebsgeheimnisse garantieren Souveränität und Erfolg von Staaten und Unternehmen. Totale Transparenz – wie sie immer wieder gern von Netzaktivisten gefordert wird – führt zu totalem Misstrauen. Entwicklung wird auf diese Weise unmöglich. Gleiches gilt für Inspiration, Kreativität und Erfindergeist: Allesamt sind sie menschliche Eingebungen, die erst zu Ende gedacht werden müssen, bevor sie „das Licht der Welt“ erblicken können, weil sie bei zu viel Aufmerksamkeit im falschen Stadium gar nicht erst gedeihen würden. Um Entwicklung zu ermöglichen und Neues zu erschaffen, braucht es Geheimhaltung. Das Vertrauen, das in solch einer Atmosphäre entsteht, ist essentiell für das Zusammenleben innerhalb einer Familie und den Fortschritt in einer sogenannten „Zivilgesellschaft“.

Fazit

Moderne Staaten sind überhaupt erst entstanden, nachdem diese sich selbst eine Verfassung gegeben hatten, die ihnen gewisse Dinge verbietet und dadurch den Staatsbürgern die Freiheit gestattet, ein „Privatleben“ zu führen, auf das die Staaten keinen Einfluss haben und welches sich ihrer Kontrolle entzieht. Dieses Privatleben ist sozusagen das Geheimnis der Bürger vor ihrem Staat und ermöglicht die Geburt einer „Zivilgesellschaft“.

Geheimnisse sind erforderlich in Berufen, die mit sensiblen und vertraulichen Informationen in Berührung kommen. Schweigepflicht fördert das Vertrauen zwischen Patienten und Arzt oder Mandanten und Anwalt. Betriebs- und Staatsgeheimnisse unterstützen technologische Entwicklungen und sichern die Souveränität der Nationalstaaten. Daher sollten Geheimnisse nicht als ausschließende Maßnahmen, sondern als Bereicherung für unterschiedliche Lebensbereiche verstanden werden. Ohne Vertrauen käme die Entwicklung auf vielen Gebieten zum Erliegen. Fortschritt und Wohlstand würden eingeschränkt und Familien wären als solche nicht mehr erkennbar. Geheimnisse fungieren also nicht nur als Entwicklungsmotor, sondern als gesellschaftlicher Kitt, der eine Gemeinsamkeit nach innen definiert und nach außen begrenzt.

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