Von Verantwortung und Selbstbehauptung oder was ist Narzissmus?

Von Verantwortung und Selbstbehauptung oder was ist Narzissmus?

Gesellschaftlicher Rang

Kampf um den gesellschaftlichen Rang

Der Wunsch nach Anerkennung ist ein urmenschliches Bedürfnis, welches bereits unmittelbar nach der Geburt eines Menschen befriedigt werden möchte. Die Psychologin Alice Miller befasst sich in ihren Arbeiten über Narzissmus eingehend mit der Frage, inwiefern dieser überhaupt eine schlechte Eigenschaft sei. Der Schriftsteller Max Stirner formulierte in seiner Schrift „Der Einzige und sein Eigentum“ die Notwendigkeit, sich selbst zu genügen und sich nicht ausschließlich um die Verwirklichung von Zielen Dritter zu bemühen. Kann es nun überhaupt eine gelungene Gratwanderung zwischen Selbstliebe und Verantwortung geben?

Solidarität und Narzissmus

Bis heute wird Max Stirner aufgrund seiner provokanten Verteidigung von „Egoismus“ immer wieder absichtlich missverstanden. Seinen Wahlspruch „Ich hab’ mein Sach’ auf Nichts gestellt“ interpretieren einige Exegeten gern als Teilnahmslosigkeit und Egozentrismus. Stirner bringt allerdings nicht zum Ausdruck, dass man nur an sich selbst denken und kein Interesse an der Welt hegen sollte, sondern dass sogenannte „Solidarität“ nichts mit Rücksichtnahme, Fürsorge oder gar Nächstenliebe zu tun hat.

Solidarität bedeutet, Ziele Anderer zu unterstützen und zu verfolgen. Je nach Situation kann es sinnvoll sein, diese Haltung einzunehmen. Aufrichtigkeit ist allerdings selten im Spiel und leider kommt es immer wieder vor, dass diejenigen, die Solidarität fordern, diese mit Zustimmung oder Sympathie verwechseln. Aus diesem Grund befasst sich Stirner mit dem Missbrauch von Solidarität und behauptet, wahre Mündigkeit sei nur durch eine Grenzziehung zwischen dem „Eigenen“ und dem „Anderen“ möglich. Für Stirner ist Selbstbehauptung ein Schutzmechanismus vor der Ausbeutung, die droht, wenn sich ein Mensch nicht aus eigenem Antrieb für eine Sache einsetzt, sondern um den Erwartungen Dritter gerecht zu werden.

In diesem Zusammenhang ist die Wirkung von Narzissmus zu untersuchen, da narzisstische Personen dazu neigen, die von Stirner bemängelte Unmündigkeit ihrer Mitmenschen auszunutzen. Um diesen Mechanismus zu verstehen, helfen die Erklärungsmodelle der Psychologin Alice Miller. Sie geht davon aus, dass Narzissmus bereits in der Kindheit entsteht. Besonders empfänglich für die Erwartungshaltungen Dritter sind ihrer Analyse zufolge eher die pflegeleichten, begabten und aufopferungsvollen Kinder, welche ihren narzisstisch veranlagten Eltern jeden Wunsch von den Augen ablesen.

Da sie keinen Zugang zu ihren eigenen Gefühlen finden, gehen einige narzisstisch geprägte Personen ganz in der Unterstützung und Hilfe für andere Menschen auf. Sie tun dies weniger, weil sie aufrichtig helfen wollen, als vielmehr aus der persönlichen Not heraus, nicht zu wissen, was gut für sie selbst ist. Die Erfüllung und das Übertreffen dieser Erwartungen stellen für von Narzissmus betroffene Menschen in vielen Fällen den einzigen Lebensinhalt dar, was unter Umständen tragische Züge annehmen kann. Für Außenstehende ist daher bei dem Urteil Vorsicht geboten, jemand sei eine narzisstische Persönlichkeit und hege die falschen Motive für seine in Wirklichkeit gar nicht so hehren Ziele.

Gaslighting

Wie bereits erörtert, ist Narzissmus ein Teufelskreis, dem man unreflektiert kaum entkommen kann und der sich deswegen immer weiter vererbt. Er wirkt sich also vor allem in dem Maße schädlich aus, in dem Menschen zur Befriedigung der Sehnsucht nach Anerkennung ausgebeutet werden. Dies geschieht häufig in Situationen, in denen einige Personen versuchen, sich auf Kosten ihrer Mitmenschen zu profilieren, indem sie Fähigkeiten an sich loben, die eigentlich selbstverständlich sind. Gleichzeitig werden anderen Personen diese selbstverständlichen Fähigkeiten abgesprochen, in ein falsches Licht gerückt oder komplett geleugnet. Diese Form der Selbstdarstellung bezeichnen Psychologen als „Gaslighting“. Gaslighting ist eine Manipulationstechnik, die darauf abzielt, Wirklichkeit bewusst falsch zu inszenieren, um die eigene Leistung bzw. Persönlichkeit in den Vordergrund zu stellen und die Arbeit bzw. Wahrnehmung anderer abzuwerten oder gar zu negieren. Die so herbeigeführte Schieflage verschleiert Ungerechtigkeit und erzeugt eine Abhängigkeit zwischen Gaslightern und ihren Opfern, gegen die sich diese kaum wehren können, weil ihnen sonst vorgeworfen würde, sie verhielten sich „unsolidarisch“ oder handelten „egoistisch“.

Als Machttechnik kam Gaslighting in der Vergangenheit vor allem in Diktaturen zum Einsatz; heutzutage erfreut sie sich allerdings auch in vielen demokratischen Staaten einer immer größeren Beliebtheit. Das mag daran liegen, dass Gaslighting enorme Verwirrung in der Bevölkerung stiftet. Für Regierungen bedeutet dies kurzfristig Zeitgewinn und Machterhalt. Bestehende Strukturen werden in Frage gestellt, aufgelöst oder einer übergeordneten Behörde unterstellt. Das führt dazu, dass Verantwortung nicht mehr zuzuordnen ist. Wer aus welchem Grund Anweisungen erteilt, ist immer schwerer nachzuvollziehen. Warum verordnet wird und wer auszuführen hat, bleibt unbegründet. Bereits Konfuzius warnte vor dem Chaos, welches durch die Vorspiegelung falscher Tatsachen entsteht: „Wenn die Begriffe nicht richtig sind, so stimmen die Worte nicht; stimmen die Worte nicht, so kommen die Werke nicht zustande.“

Selbstdarstellung

Mittel- bis langfristig richtet diese Art der Selbstdarstellung großen Schaden an. Denn wer Tatsachen bewusst verzerrt, zurückhält oder aus Zusammenhängen reißt, um sich dadurch einen Vorteil zu verschaffen, muss damit rechnen, dass ihm ebenfalls Informationen vorenthalten werden. Narzissmus, Selbstdarstellung und Gaslighting zerstören Verantwortlichkeit. Der Versuch, sich aufgrund von Geltungsdrang besser darzustellen als seine Mitmenschen, behindert letztendlich den Narzissten und seine eigene Leistung. Strukturen und Institutionen sind immer nur so stark wie die Menschen, aus denen sie bestehen. Sie sind ihr Produkt. Es ist einleuchtend, dass es für jede Organisation extrem schädlich ist, wenn ihre Mitglieder mehr auf ihr eigenes Wohl bedacht sind als auf den Fortbestand der Struktur. Narzissmus innerhalb von Organisationen führt daher unausweichlich zum Scheitern dieser Organisation. Je nach Größe und finanziellen Möglichkeiten kann sich dieses Scheitern über viele Jahre erstrecken.

Narzissmus ist ein schlechter Ratgeber, wenn es darum geht, Probleme zu lösen oder Unterstützung zu gewährleisten. Hilfe besteht darin, das Richtige für den Hilfesuchenden zu tun. Ein Problem zu lösen bedeutet, dass das Problem anschließend nicht mehr besteht. In beiden Fällen geht es nicht um den Erbringer, sondern um den Empfänger einer Leistung. Wer diesen feinen Unterschied nicht begriffen hat, sollte sich davor hüten, sich in Positionen zu drängen, die nur bestehen, um durch sie für andere zu sorgen und Schaden von einer Institution abzuwenden. Diese Positionen sind für jede Art von Selbstdarstellung und zur Befriedigung eigener Bedürfnisse denkbar ungeeignet.

FAZIT

Alice Miller hält Entstehung und Existenz von Narzissmus für natürlich und nicht zu verurteilen. Probleme entwickeln sich erst dann, wenn Narzissmus nicht erkannt oder abgestritten wird. Dass insbesondere Menschen, deren Eltern narzisstisch veranlagt waren, Gefahr laufen, sich selbst zu verlieren und danach streben, von anderen „erkannt“ zu werden, erleichtert Narzissten die Praxis des „Gaslightings“.

Gaslighting ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Jede Wahlwerbung, Regierungserklärung oder politische Debatte verläuft mittlerweile nach den Gesetzen von Gaslighting. Die Praxis wird natürlich nicht beim Namen genannt, sondern es werden „Fakten“ zitiert, „Experten“ befragt, „Statistiken“ hinzugezogen, „Umfragen“ präsentiert. All dies dient ausschließlich der Inszenierung von Meinungen, Programmen oder der Selbstdarstellung einzelner Gruppen und Personen und nicht der Suche nach Wahrheit.

Es besteht die Gefahr, dass diese Selbstdarstellung dazu führt, dass Strukturen verschwinden oder zerstört werden, da sie sich der Verantwortung, die ihnen eigentlich obliegt, entziehen oder ihnen diese nicht mehr zuzuordnen ist. Schlimmstenfalls hat diese Verantwortungslosigkeit zur Folge, dass Institutionen zum Erliegen kommen, weil ihr Zweck unkenntlich geworden ist. Verantwortung heißt daher weniger die Feststellung: „Ich war’s!“, sondern die Frage: „Was folgt daraus?“

Aus diesem Grund berief sich Max Stirner auf sich selbst als sein „Eigentum“ und forderte seine Leser dazu auf, sich vor Vereinnahmung durch Selbstbehauptung zu schützen. Denn sowohl Solidarität als auch aufrichtige Verantwortung beruhen darauf, dass man sich bewusst und aus freien Stücken für eine Aufgabe entscheidet und nicht, um anderen zu gefallen.

 

Quellen:

Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum

„Ich hab’ mein Sach’ auf Nichts gestellt.“

Konfuzius: Gespräche

„Wenn die Begriffe nicht richtig sind, so stimmen die Worte nicht; stimmen die Worte nicht, so kommen die Werke nicht zustande“

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