Musik übt großen Einfluss auf die Gehirnchemie aus

Musik übt großen Einfluss auf die Gehirnchemie aus

Musik übt großen Einfluss auf die Gehirnchemie aus
Musik und Affekt

„Die Musik ist der vollkommenste Typus der Kunst: Sie verrät nie ihr letztes Geheimnis“, soll Oscar Wilde einmal gesagt haben. Tatsächlich ist die Wirkung von Musik bis heute nicht geklärt. Sie ist fundamental an eine bestimmte Zeitdauer gebunden und verhindert die Wahrnehmung von Zeit geradezu, während sie erklingt. Hirnforscher haben festgestellt, dass sich nicht nur die chemische Zusammensetzung des Gehirns durch Musik verändert, sondern die komplette Struktur der Nervenbahnen durch regelmäßiges Musizieren beeinflusst wird.

Musik bewerkstelligt, dass die „Chemie stimmt“

Natürlich tritt die Wirkung von Musik heutzutage ein wenig in den Hintergrund, weil sie durch Technologie allzeit verfügbar scheint. Berücksichtigt man jedoch, dass diese Verfügbarkeit künstlich herbeigeführt wurde und nicht von Natur aus gegeben ist, leuchtet es ein, dass Musik eine sofortige Veränderung der Stimmung eines Menschen herbeiführen kann. Sowohl Rhythmus als auch Harmonien wirken unmittelbar auf den Hirnstamm, d. h. sie beeinflussen Emotionen, bevor das Bewusstsein überhaupt die Gelegenheit hat, auf diese Klänge zu reagieren. Diese Eigenschaft von Musik soll Wissenschaftlern zufolge auch dafür verantwortlich sein, dass soziale Kompetenzen gestärkt würden. Durch aufmerksames Zuhören entstehe ein Gefühl der Zusammengehörigkeit.

Ein bekanntes Beispiel für diese extreme Wirkung von Musik liefert Shakespeares „Wilder“ aus dem Drama „Der Sturm“. Dort legt der englische Dichter ausgerechnet dem angeblich so monströsen Caliban einen der berührendsten Monologe des gesamten Stückes in den Mund. Um die beiden Fremden Trinculo und Stephano zu beruhigen, erklärt er ihnen, die Insel, auf der sie Schiffbruch erlitten haben, sei voll von „Geräuschen, Klängen und süßen Melodien, die das Ohr erfreuen“. Bis heute rätseln Literaturwissenschaftler, warum Shakespeare gerade diesen Charakter auswählte, um die intensive Wirkung von Musik so gefühlsbetont zu veranschaulichen.

Musik und das biographische Gedächtnis

Auch wenn Neurologen bislang nicht explizit auf ein sogenanntes „Musikzentrum“ im Gehirn gestoßen sind, ließ sich feststellen, dass Musik und die Erinnerung an bestimmte Lieder bzw. Musikstücke stark mit dem biographischen Gedächtnis verknüpft sind. Ähnlich wie bei Gerüchen verbinden Menschen Klänge fest mit bestimmten Personen, Situationen und Erlebnissen. Diese Erkenntnis wird beispielsweise in der Betreuung von Schlaganfall-Patienten genutzt, deren linke Gehirnhälfte keinen Zugriff mehr auf sprachliche Fähigkeiten hat. Dennoch waren diese Patienten in der Lage, Lieder zu singen. Dabei gelang es ihnen, sowohl Melodie als auch Text korrekt wiederzugeben.

Ähnliche Phänomene erleben viele Menschen, wenn sie eine Melodie hören, die sie mit sehr prägenden Erinnerungen verbinden. Musik ruft diese Erlebnisse sehr plastisch wach, was dazu führen kann, dass auch die Gefühle, die jenes Erlebnis einmal ausgelöst hat, wieder zum Vorschein kommen. Je nach Erinnerung kann dies sehr unterschiedliche Reaktionen auf die Musik auslösen. Die Intensität der Erinnerung erklärt daher auch, warum viele Personen gar nicht überall und jederzeit mit Musik konfrontiert werden möchten. Anders als bei visuellen Reizen, von denen man einfach die Augen abwenden kann, sind akustische Signale schwer auszublenden.

Zudem fühlen sich manche Menschen auch durch Dissonanzen belästigt. Das liegt daran, dass die Reaktion auf ungewöhnliche Zusammenklänge ähnlich abläuft wie diejenige auf falsche Grammatik. Bemerken wir Dissonanzen, regt sich automatisch der Sinn für die eigentlich zu erwartende Harmonie. In diesem Sinne wirkt Musik wie eine Universalsprache, die bei Menschen mit derselben musikalischen Prägung ähnliche Erwartungen hervorruft. Die Enttäuschung dieser Erwartung weckt Aufmerksamkeit und wurde von Komponisten aller Epochen immer wieder gern genutzt, um ihre Zuhörer zu verblüffen.

Funktionen von Musik

Komponisten arbeiten also mit den Annahmen ihres Publikums. Je nach Epoche war es Aufgabe der Komponisten diese Erwartungen zu erfüllen, zu umgehen oder gar zu übertreffen. Durften im Mittelalter nur bestimmte, als „rein“ und deswegen „göttlich“ geltende Intervalle in der Anordnung von mehrstimmiger Musik eingesetzt werden, änderte sich diese Einstellung zur Stimmführung mit der Loslösung der Musik von ihren religiösen Quellen.

Das bedeutete sowohl für Musiker als auch Zuhörer, dass der Hunger nach neuen Kompositionen seit der Renaissance explodierte. Musik wurde fester Bestandteil kultureller Veranstaltungen. Neben religiösen Musikstücken erfreuten sich auch weltliche Opern eines immer größeren Zuspruchs. Diese transportierten spätestens ab der Klassik immer politischere Botschaften und feierten die Emanzipation der Bürger vom Adel. Ein berühmtes Beispiel ist Mozarts Oper „Die Hochzeit des Figaro“, welche nur drei Jahre vor der Französischen Revolution trotz der ausdrücklichen Zustimmung des damaligen Kaisers Joseph II. für einen Skandal sorgte. Dieser Eklat war zwar ein sehr berühmter Vorfall in der Geschichte der Musik, aber nur einer von sehr vielen, die darauf noch folgen sollten. Daher ist es nicht erstaunlich, dass auch heutzutage immer noch häufig über unterschiedliche Musikrichtungen und deren Darbietungen diskutiert wird.

Musik und Gefühle

Musik wirkt bis heute vor allem deswegen immer wieder extrem provokant, weil Melodien absichtlich dazu genutzt werden, Texte zu entschärfen oder Botschaften, die normalerweise auf Ablehnung stoßen würden, akzeptabel erscheinen zu lassen. Aufrichtige Komponisten sind sich dieser Wirkung sehr bewusst und versuchen, ungewollte Manipulationen zu vermeiden. Musik ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken und entschärft wahrscheinlich viele Situationen, die ohne sie viel direktere Konsequenzen nach sich zögen. Der enorme Einfluss, den Musik auf unsere Gefühle ausübt, kann dazu beitragen, eher positive Emotionen zu stärken und Aggressivität zu lindern. Dabei kommt es jedoch entscheidend auf die Wahl des Musikstücks an.

Musiker sowie Komponisten sind allerdings eher nicht dafür bekannt, ausgesprochen zufriedene Zeitgenossen zu sein. Das mag daran liegen, dass die Suche nach der perfekten Melodie oder die Arbeit an der tadellosen Interpretation derselben mit sehr viel Anstrengung verbunden ist, welche sich in den Augen der Musiker selten bezahlt macht. Vermutlich sind es aber gerade diese Anstrengung und die Aufrichtigkeit bei der Suche nach dem richtigen Ausdruck, welche bei den Zuhörern so intensive Gefühle auslösen.

FAZIT

Musik übt großen Einfluss auf die Gehirnchemie aus. Musiker und Menschen, die selbst viel musizieren, verändern durch ihre Tätigkeit aktiv ihre Nervenbahnen. Es wird immer wieder gemutmaßt, dass musikalische Begabung auch Hochbegabung auf anderen Gebieten nach sich ziehe. Eindeutige Zusammenhänge konnten bislang nicht erforscht werden.

Als erwiesen gilt es hingegen, dass Musik eng mit dem biographischen Gedächtnis verknüpft ist. Aus diesem Grund können Tonfolgen dazu genutzt werden, Menschen zu helfen, die in ihren kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigt sind. Die Verbindung zwischen Melodie und persönlichen Erinnerungen ist stark ausgeprägt und erklärt, warum Musik hin und wieder heftige emotionale Reaktionen auslösen kann.

In Musik verpackte Botschaften werden durch bestimmte Harmonien und Tonfolgen entschärft, was nicht nur in der Vergangenheit gern dazu genutzt wurde, provokante Thesen zu verbreiten. Was im Einzelnen als „provokant“ galt, war stark abhängig von der jeweiligen Epoche. Musiker und Komponisten haben sich zu allen Zeiten darum bemüht, behutsam mit der „Macht“ der Töne umzugehen, um die Kunstform „Musik“ nicht durch allzu offensichtliche Statements zu entwerten.

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