Innere Gelassenheit durch Verschwiegenheit

Innere Gelassenheit durch Verschwiegenheit

Innere Gelassenheit durch Verschwiegenheit

Wir reden zu viel, verraten zu viel und vergessen wieder alles.

Zugegeben: Verschwiegenheit ist eine Tugend, die in der Praxis sehr undankbar ist. Wie bereits der Philosoph und Mediziner Carl August von Eschenmayer (1768 – 1852) bemerkte: „Die Verschwiegenheit ist darum eine so schwierige Tugend, weil niemand es bemerken kann, wenn wir sie ausüben.“ Doch wie alle Tugenden praktiziert der diskrete Mensch Verschwiegenheit nicht, um Anerkennung zu ernten, sondern weil es sich sowohl auf das eigene als auch das Leben seiner Mitmenschen positiv auswirkt.

Offenheit oder Redseligkeit?

Sicherlich sind redselige Menschen angenehme Gastgeber. Sie gehen offen auf ihre Gäste zu, nehmen ihnen die erste Scheu vor einer Veranstaltung und sorgen dafür, dass man sich willkommen fühlt. Wenn sich Redseligkeit also auf Small Talk zur Auflockerung von gesellschaftlichen Events bezieht, hat niemand etwas gegen diese Eigenschaft.

Problematisch wir Redseligkeit erst in Beziehungen. Es zeigt sich bei diesem Charakterzug, dass sich im Kontakt mit anderen Personen ein Ungleichgewicht einstellt. Leider gesellt sich zur Redseligkeit hin und wieder auch mangelnde Empathie, sodass ein schwatzhafter Zeitgenosse oftmals gar nicht bemerkt, dass er zu viel redet. Seinem Gegenüber entgeht daher die Chance, sich zu artikulieren. Als Konsequenz stößt die anfänglich als Kontaktfreudigkeit verstandene Schwatzhaftigkeit des Redseligen bei seinen Mitmenschen auf so große Ablehnung, dass sie den Umgang mit ihm lieber meiden. Es kommt zu einem Gefühl der Ohnmacht bei den Betroffenen, wenn sie bemerken, dass ihr redseliges Gegenüber nicht in der Lage ist, zuzuhören.

Zuhören macht Freu(n)de

Womit wir bei der entscheidenden Schwäche des Schwätzers angelangt wären: Der Unfähigkeit, auf andere Menschen einzugehen. Kommunikation ist keine Einbahnstraße. Das bloße Hervorbringen von Wörtern und Sätzen ist deswegen auch kein Gespräch. Dieses kann nur dadurch entstehen, dass diejenigen Personen, die miteinander zu sprechen wünschen, darüber nachdenken, was sie äußern möchten und ob es tatsächlich nötig ist, dass sie sich äußern. Findet eine Gesprächsrunde unter Kollegen statt, ist es in vielen Fällen gar nicht angebracht, selbst zu sprechen, da bereits ein anderer Mitarbeiter dieselbe Frage gestellt bzw. die gleichen Bedenken oder Ideen vorgetragen hat. Ein erneutes Herumreiten auf derselben Problematik würde also nicht nur den Redefluss der anderen stören, sondern womöglich zur Unterbrechung eines ganzen Gedankengebäudes führen, was dann zur Folge hätte, dass in einer Entwicklung wieder weiter vorn angesetzt werden müsste.

Auch im privaten Bereich ist das Zuhören – und damit die eigene Verschwiegenheit – eine sehr geschätzte Eigenschaft, die vielen Freunden und Familienmitgliedern das Leben erleichtert. Wer sich mitteilen kann, ohne Angst davor haben zu müssen, durch einen Redseligen unterbrochen und abgelenkt zu werden, verliert nicht den roten Faden, der für die Mitteilung erforderlich ist. Außerdem geschieht es immer wieder, dass Personen sich in der Gegenwart von Schwätzern lieber gar nicht mehr äußern, da dies dem Redseligen nur als Aufforderung für weitere Schwatzhaftigkeit dient. Eheleute werden wissen, wie wichtig das Zuhören ist, denn nichts ist zermürbender als ein redseliger Partner, der nur sich selbst gern und ausgiebig zuhört!

Verschwiegenheit zeugt von Stärke

Wer sich selbst im Griff hat, weiß, wann und warum er spricht. Verschwiegenheit ist somit auch ein Zeichen von innerer Stabilität und emotionaler Ausgeglichenheit. Denn der enorme Mitteilungsdrang, welcher mit Redseligkeit einhergeht, lässt auf eine ausgeprägte Schwäche bei Personen mit dieser Eigenschaft schließen. Wer daher – wie kleine Kinder – „sein Herz auf der Zunge trägt“ und nicht imstande ist, Worte „in seinem Herzen zu bewegen“, ohne sie gleich herauszuposaunen, hat noch nicht gelernt, sich selbst aus einer gewissen Distanz zu betrachten.

Der Verschwiegene hat hingegen begriffen, dass nur ein Bruchteil von dem, was jeden Tag laut gesagt wird, wirklich erforderlich ist, um erfolgreiche Teamarbeit zu organisieren oder ein liebevolles Familienleben zu führen. Viele Äußerungen sind nicht nur störend, sondern schädlich, weil zu oft dasselbe gesagt wird und zu selten ein wirklicher Nutzen in der Aussage liegt. Das schwächt und verlangsamt nicht nur die Gruppe, sondern stört die Konzentration und mindert die Ernsthaftigkeit einer Äußerung.

Starke Charaktere haben mittels Zuhören gelernt, dass andere Personen häufig mehr wissen als sie selbst. Daher ist es für sie eine Selbstverständlichkeit, sich in ihren Äußerungen zurückzunehmen und sich nicht vorzudrängeln. Sie wissen aus Erfahrung, dass fast immer jemand anwesend ist, der auf einem bestimmten Gebiet versierter ist als sie selbst.

Führung durch Verschwiegenheit

Verschwiegene haben gerade durch ihre Zurückhaltung viel lernen können. Wer nicht bei jeder Kleinigkeit alles ausplaudert, erfährt von anderen stets aufschlussreiche Neuigkeiten. Das kann unter Freunden sehr nützlich, aber auch geschäftlich von großem Vorteil sein. Durch Verschwiegenheit werden einem oft unverhofft Informationen zuteil, die man nicht so leicht erhalten hätte, wenn man nach ihnen geforscht oder um sie gebeten hätte. Viele berufliche Konkurrenten leben davon, durch Klatsch und Tratsch auf dem neuesten Stand über rivalisierende Unternehmen und Projekte zu bleiben. Auch wenn es sich mittlerweile herumgesprochen hat, dass die wirklichen Champions niemals teil solcher Plaudereien sind, wird immer wieder gern behauptet „Netzwerke“ dienten der Kommunikation.

Das stimmt allerdings nur teilweise. Netzwerke funktionieren nur aufgrund ihrer Verschwiegenheit. Auch wenn sich dies für so manchen erstaunlich anhören mag: Erfolgreiche Netzwerke und Netzwerker reden nicht: Sie hören zu! Das ist das Hauptmerkmal eines Netzwerkes: Die Möglichkeit, an viele Informationen durch aufmerksames Zuhören zu gelangen. Wer das erst einmal begriffen hat, wundert sich nicht mehr darüber, warum wirklich erfolgreiche Persönlichkeiten niemals auf Titelblättern oder in Aufmerksamkeit erregenden Fernsehformaten anzutreffen sind.

Schweigsames Vorbild sein

Verschwiegenheit wird aus dieser Perspektive betrachtet also zu einer Tugend, für die es heutzutage zwar einerseits nicht für jedermann offensichtliche Vorbilder gibt – das liegt einfach in der Natur der Sache: Stillschweigen hört man nicht! Andererseits hilft diese Erkenntnis dabei, einmal die Ohren zu spitzen und den Blick für diejenigen Mitmenschen zu schärfen, über die wir so wenig wissen. Was sind das für Menschen? Warum weiß ich nichts über sie? Was kann ich von ihnen lernen? Diese neue Art der Wahrnehmung übt sich schnell ein und eröffnet ungeahnte Möglichkeiten des Lernens.

In der Form eines Schweigegelübdes ist Verschwiegenheit daher seit Menschengedenken, neben dem Fasten, eine Art der Selbstreinigung gewesen, die z.T. aus Buße praktiziert wurde, nicht selten aber auch aus Gründen der (Selbst-)erkenntnis verfolgt wurde.

Fazit

Verschwiegenheit ist eine Tugend, die von besonderer Reife und innerer Stärke zeugt. Verschwiegene Menschen sind beliebt, weil sie empathisch wirken und aufgeschlossen gegenüber ihren Mitmenschen sind. Wirklich erfolgreiche Persönlichkeiten sind sehr verschwiegen, was man daran erkennt, dass man sehr wenig über sie weiß und es sehr schwierig ist, etwas über sie in Erfahrung zu bringen. Für sie ist das Zuhören eine nützliche und unerschöpfliche Informationsquelle.

Verschwiegenheit gibt Kraft und schützt einen davor, zu viel von sich selbst preiszugeben, was leider immer wieder von böswilligen Bekannten und beruflichen Konkurrenten ausgenutzt wird. Verschwiegenheit kann daher sogar vor Mobbing am Arbeitsplatz und Konflikten in der Familie schützen, weil sie ein inneres Gleichgewicht herstellt, dass von außen nur schwer zu attackieren ist.

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