Für mich heißt es aktuell jeden Tag „Ja“!

Für mich heißt es aktuell jeden Tag „Ja“!

Eyuep Aramaz
Foto by Oliver Krato

Die Gründer- und Unternehmerstory von Eyüp Aramaz.

Eyüp kenne ich bereits seit 2011 und habe seinen Werdegang in Teilen mitverfolgen können. Uns beide verbindet der Polizeiberuf, den wir beide an den Nagel hängen mussten, um unsere Träume verwirklichen zu können. Im Folgenden erzählt Eyüp seine Geschichte:
 

Türke. Polizist. Digitalgründer. Dozent. Es fühlt sich heute noch komisch für mich an, wenn ich die einzelnen Stationen meines Lebens revue passiere. Wow, die letzten 15 Jahre waren wie ein Hollywood-Film für mich. Irgendwie surreal und doch pure Realität. Nein, die Tellerwäscher zum Millionär-Story möchte ich damit nicht wiedergeben, sondern meinen Weg zum Unternehmertum, obwohl ich einst nicht Unternehmer sein wollte.

Als Sohn türkischer Arbeitsmigranten war eine Unternehmensgründung das entfernteste Thema überhaupt in meinem Leben – bis zu jenem Moment. Aber dazu später mehr. Zwar hatte ich auf dem Wirtschaftsgymnasium in Bielefeld gelernt, Bilanzen zu lesen, Rechtsformen zu unterscheiden und Deckungsbeiträge auszurechnen, dennoch entschied ich mich für einen sicheren Hafen im Berufsleben: Ein Studium im gehobenen Dienst bei der Polizei.

Schon als kleines Kind nahm mich meine Mutter mit zum Putzen – manchmal sollte ich mithelfen und die Papierkörbe ausleeren. Zur Schulzeit waren meine Mutter und ich das A-Team der Gebäudereinigung – wir haben jeden Auftrag sauber erledigt. Während der Abiturzeit habe ich mir dann noch zusätzlich mein eigenes Taschengeld verdient, indem ich Pizza Taxi bei unserem Italiener um die Ecke gefahren bin oder als Aushilfe im Supermarkt oder bei einem Paketdienstleister tätig war.

Gegen Ende meines Abiturs wollte ich nur eins: Ein duales Studium, bei dem ich neben dem Studium Geld verdienen konnte. Ich hatte schlicht keinen Bock auf das reine Studentenleben, wo ich auch noch nebenbei jobben musste. Eine Mitschülerin erzählte mir von ihrem Vorhaben, dass sie sich bei der Polizei bewerben wollte. Das fand ich auf Anhieb sehr spannend, denn sie erzählte mir, dass der Beruf zudem abwechslungsreich sei. Genau das Richtige für mich, denn ich langweilte mich schnell bei einer immer gleichbleibenden Tätigkeit.

Außerdem war es selbstverständlich für mich, dass ich mein eigenes Geld verdiente. Meine Eltern kamen aus der Türkei aus einfachen Verhältnissen und ich wollte sie nicht unnötig finanziell belasten. Also las ich mir die Anforderungen der Polizei NRW durch und begann fortan, sportlich zu trainieren. Ich ging drei- bis viermal in der Woche zum Laufen, hatte mich im Fitnessstudio angemeldet und schaffte es irgendwie das Deutsche Sportabzeichen zu erwerben. Parallel zu meiner Bewerbung in NRW hatte ich mich als Plan B bei der Polizei Niedersachsen beworben – eine kluge Entscheidung: Denn aus Plan B wurde dann Plan A. Bei der Polizei NRW bin ich aufgrund des Rangordnungswertes (mir fehlten 2-3 Punkte) an der Einstellung vorbeigeschlittert. Umso mehr habe ich dann in Hannoversch Münden beim Sporttest und in Hannover beim Einstellungsgespräch Gas gegeben. Mit Erfolg. Ich bekam in Hannover eine Direktzusage und wurde zum 01.10.09 als Polizeikommissaranwärter eingestellt. Heute weiß ich: Man sollte im Leben immer mindestens eine Alternative parat haben – weil man nicht weiß, was auf einen letztlich zukommt. 

Am 01.10.09 wurde ich dann offiziell in Hannover als Polizeikommissaranwärter vereidigt. Ein neuer Lebensabschnitt begann. Denn ab diesem Zeitpunkt trennte ich mich von meinem Elternhaus und zog nach Hannoversch Münden in die Polizeiakademie Niedersachsen. Die nächsten drei Jahre waren sehr einprägsam für mich. Umso mehr freute ich mich auf die kommenden Herausforderungen. Über die Zeit in Hann. Zu Münden könnte ich mehrere Seiten schreiben.

Mit Beginn des Studiums fuhr ich jedes Wochenende nach Hause zu meinen Eltern. Im zweiten Studienjahr an einem Sommertag saß ich mit meiner Mutter auf der Couch. Bei einer Tasse Schwarztee und türkischen Keksen sprachen wir über verschiedene Themen und auch über die damalige Zeit, in der wir beide die Unterhaltsreinigung von Büroräumen in Bielefeld meisterten. Ich kenne den Grund nicht mehr, jedoch fragte ich meine Mutter, ob wir nicht unsere eigene Gebäudereinigung gründen möchten. Was ihre Antwort war?  Sie stimmte unvermittelt zu und so beschäftigte ich mich ab diesem Zeitpunkt damit, ein Unternehmen zu gründen. Die Nebentätigkeit meldete ich selbstverständlich bei der Polizei an.

Als Autodidakt lernte ich ein Logo zu kreieren, eine Website zu entwickeln und Vertrieb zu machen. Unser Unternehmen „regio clean“ war geboren und ich war richtig stolz darauf. Damit die Almans (autochthonen Deutsche) nicht abgeschreckt werden, meldete ich das Gewerbe aus strategischen Gründen über meine damalige Verlobte an – im Impressum stand der Name „Jana Stolle“. Heute praktiziert die Taktik jeder zweite „Schwarzkopf“.

Ich habe z. B. über 1000 Mailings an potentielle B2B-Kunden in Bielefeld gesendet. Zwar gab es drei Rückläufer aber immerhin. Dies motivierte mich, weiterzumachen. Wir hatten bereits die ersten Aufträge und 2 Aushilfen eingestellt. Ich hatte mir auch sofort ein XING-Profil angelegt und versuchte mich deutschlandweit zu vernetzen. Irgendwann erhielt ich eine Kontaktanfrage von einem Geschäftsführer einer Gebäudereinigung aus Vechta – Thomas zählt heute zu meinem Freundeskreis. Er war begeistert von meinem Marketing und dachte, wir seien ein großes mittelständisches Unternehmen mit mehreren hundert Mitarbeitern. Als ich ihn aufklärte fragte er, ob ich sein Online-Marketing ebenfalls übernehmen könnte. Diese Anfrage führte mich 2010 zum Online Marketing. Ich begann mit Webentwicklung, führte die Suchmaschinenoptimierung durch und übernahm wenig später das Unternehmensprofil auf Facebook. Sogar den Vertrieb und den Einkauf begleitete ich aktiv mit. Besonders stolz machte mich die Tatsache, dass wir zuletzt die Kosten für Reinigungsmittel extrem senken konnten, da wir unsere eigenen Produkte unter einem eigenen Brand entwickelten. Die Marke wurde dann von einer bekannten Einzelhandelskette im regionalen Bereich in die Märkte aufgenommen.

Meine Mutter und ich entschieden uns, unsere kleine Firma als Joint Venture mit der großen GmbH zu vereinen. Von einem Exit war natürlich nicht die Rede. Ich war aber plötzlich neben Polizeikommissaranwärter Leiter Marketing und Vertrieb einer mittelständischen Gebäudereinigungsfirma mit über 3,5 Mio. Umsatz pro Jahr. Ab diesem Zeitpunkt hatte ich sprichwörtlich „Blut geleckt“. Unternehmertum machte mir offensichtlich richtig Spaß.

Thomas und ich fuhren an einem kalten Herbsttag im Jahre 2011 zu einer Messe nach Norddeutschland. Dort stellte er mir meinen zukünftigen Internet-Mitgründer Mehmet vor. Mehmet war damals Einkäufer bei einer Eierproduktionsfirma. Mehmet hatte als Einkäufer eine Herausforderung: Er musste ständig Angebote für diverse Produkte einholen (z. B. DINA4-Papier, Klebeband, Verpackungsmaterialien, usw.). Zu diesem Zeitpunkt gab es nur “wer liefert was“, eine Art „GelbeSeiten“ für die Industrie.

Auf wlw.de hat Mehmet ständig nach potentiellen Lieferanten gesucht, musste diese manuell anschreiben und warten, bis sie sich per E-Mail bei ihm meldeten. Der manuelle Suchprozess nervte ihn ungemein, weil er sich als Auftraggeber sah und der Meinung war, dass die die Auftragnehmer doch eigentlich ihn finden müssten, weil sie Interesse am Neukundengeschäft bzw. Umsatz haben. Wegen seines Problems hatte Mehmet kurzerhand das Portal www.kaufgesuche24.de – „das Einkäufer- und Lieferantenportal“ entwickelt. Einkäufer konnten ihre „Kauf“-Gesuche online auf einem schwarzen Brett hochladen (z. B. 1000 Paletten DINA4-Papier) und passende Lieferanten mussten diese Gesuche mit kostenpflichtigen Creditpoints freischalten (im Rahmen eines Abo-Modells). Die Kommunikation und Auftragsabwicklung erfolgte komplett über die Plattform. Er drehte somit den Spieß um und die Lieferanten mussten dieses Mal hinter potentiellen Aufträgen hinterherlaufen. Ich war begeistert von der Idee und wollte unbedingt ein Teil davon sein. Ein Internet-Startup mit zu gründen war genau der nächste logische Schritt für mich – die ideale Herausforderung.

Aus meiner Sicht war das Konzept von Kaufgesuche24 deutlich wertvoller als das von wlw.de, jedoch hatte ich nicht die entsprechende Expertise damals, um die PS richtig auf die Straße zu bringen und das Wachstum ggf. mit Fremdkapital anzukurbeln.

Mehmet und ich gründeten eine GbR und hatten angefangen, den Vertrieb aufzubauen. Wir hatten bereits zahlreiche zahlende Lieferanten und etliche Einkaufsgesuche, bis wir uns dummerweise dazu entschieden, es mit Alibaba.com aufzunehmen. Wir waren der Meinung, dass die deutsche Übersetzung nicht gelungen war und außerdem es Zeit für uns war, noch größer zu denken. Pustekuchen!

Ohne unsere Kunden zu fragen, ob eine Weiterentwicklung der Plattform notwendig ist, haben wir den Ausbau einfach von uns aus vorangetrieben. Wir nannten unsere Plattform „tobuy24.de“ (es musste ja international klingen), fügten neben Deutsch noch Englisch und Türkisch als Sprachauswahl hinzu und stürzten uns auf die Lieferanten und verloren dabei die Einkäufer aus dem Auge. Die Lieferanten konnten wie bei Alibaba.com ihre Produkte einstellen, Produktkataloge hochladen und miteinander kommunizieren. Die von uns engagierten osteuropäischen Webentwickler entpuppten sich als unzuverlässig – deutsche Entwickler konnten wir uns jedoch nicht leisten. Die Idee verlief im Sande, als spätestens Mehmet von seinem Arbeitgeber betriebsbedingt gekündigt wurde, weil er sich dann auf Jobsuche begab und ich mich 2011-2012 kurz vor Ende meines Studiums befand und mich auf das Lernen fokussieren musste. Ein klarer Fuckup.

Meine Top-Learnings aus dieser Zeit:

1) Wenn du es ernst meinst mit dem Unternehmertum, dann musst du dich zu 100% darauf fokussieren – nebenbei bleibt es nur ein Hobby!

2) Höre auf, ständig über eine Weiterentwicklung deines Geschäftsmodells nachzudenken, wenn das Bestehende bereits gut funktioniert!

3) Dein Produkt ist eigentlich egal – es kommt darauf an, ob und wie du es verkaufst!

Im Anschluss gründete ich zu Zeiten von Groupon mit einem Informatiker aus Ulm eine Plattform für Tippgeberprovisionen mit der Rechtsform UG, die aufgrund meiner Tätigkeit in der Bereitschaftspolizei ebenso nicht die notwendige Aufmerksamkeit erhielt und somit später liquidiert wurde.

Mit dem gewonnenen Wissen hatte ich mich entschieden, mich auf kleinerer Basis als Einzelunternehmer selbständig zu machen. Ich gründete 2013 in Bielefeld die erste 100% Social Media-Agentur mit Fokus auf Facebook & Instagram mit dem Namen „Webkarma“ – und entfache damit erneut meine unternehmerische Leidenschaft. Die Adresse befand sich in der Bielefelder Altstadt in einem Coworking Space, wo ich einen Briefkasten für 50€ Monatsmiete erwarb. Ich wusste nämlich, dass im Gegensatz zu den USA, Garagengründungen in Deutschland illusorisch sind.

Kurze Zeit später hatte ich aufgrund meiner Erfahrungen in der Kaltakquise genug Kunden im Bereich Social Media Marketing akquiriert, um eine Entscheidung treffen zu können: Ich wollte mich bei der Polizei beurlauben lassen (Sabbatical), weil ich noch in jungen Jahren herausfinden wollte, ob nicht das Unternehmertum meinen weiteren Lebensweg begleiten soll. Ich fing aber auch ein Master-Studium an der privaten Fachhochschule des Mittelstands (FHM) in Bielefeld an, um erneut einen Plan B zu haben, wenn überhaupt nichts klappen sollte und ich mich in der freien Wirtschaft bewerben müsste.

Mitte 2015 und vor Beginn meines Sabbaticals sah ich eine Facebook-Werbung über „Fuckup Nights“. Ein Eventformat von jungen Menschen aus Mexiko, bei der gescheiterte Gründer*innen und Unternehmer*innen auftreten, um über ihr Scheitern zu berichten. Ich fand es grandios. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es nämlich nur langweilige IHK-Veranstaltungen oder sonstige Unternehmerveranstaltungen, die sich eher auf den Erfolg fokussierten. Ich erwarb sofort die Lizenz für Bielefeld und veranstaltete im Oktober 2015 im Rahmen der Gründerwoche die erste Fuckup Night in Bielefeld mit einigen Sponsoren, die ich heute noch (trotz Corona) mit organisiere. Die Bude war an dem Veranstaltungstag voll und die Zuschauer, Speaker und Presse waren begeistert.

Diese erste Fuckup Night war mein Schlüssel zu einem weiteren unternehmerischen Meilenstein. Ich erhielt eine XING-Nachricht von Sebastian, der mich unbedingt treffen wollte. Ich dachte mir nur: „Was ist das denn für ein Vogel und was will der von mir?“. Er teilte mir nur mit, dass er in der Presse von der Fuckup Night erfahren hat.

Am Folgeabend kommen Sebastian Borek und sein Kompagnon Dominik Gross zum Coworking Space „G16 Lounge” in der Bielefelder Altstadt, wo ich mir einen Briefkasten für 50€ im Monat gemietet hatte. Sebastian fragte mich, ob ich Lust hätte, mit ihnen und im Auftrag der Bertelsmann Stiftung ein Gründerzentrum auszubauen als „Entrpreneur in Residence“. Das Gründerzentrum sollte Founders Foundation heißen. Noch ahntee ich nicht, welchen Einfluss diese Entscheidung für mich hatte. Es sollte ein Ökosystem für Startups in Ostwestfalen-Lippe entstehen, das mit der Hinterland of Things-Konferenz wenig später den Höhepunkt dieser Entwicklungen besiegelt.

Ich erhielt bei der Founders Foundation einen ordentlichen Tagessatz und hatte das Gefühl, dass das alles ein Traum ist. In diesem Zeitraum verdiente ich an 15 Tagen umgerechnet genauso viel wie bei der Polizei in 30 Tagen – nach Steuern. Gemeinsam mit 6 anderen Personen baute ich die Founders Foundation in Bielefeld auf, war Botschafter für Bielefeld, entwickelte den Founders Blog sowie die Social Media-Präsenzen. In dieser Zeit lernte ich die besten Gründer Deutschlands kennen und Top-Professoren, die mir zeigten, wie man ein Startup aufbaut. In dieser Zeit lernte ich auch Tobias kennen, ebenso Entrepreneur in Residence und quasi mein Pedant in Münster. Er erzählte mir von seiner Vision, mit Datenanalyse Lebensmittelverschwendung eindämmen zu wollen. Ich fand die Idee auf Anhieb interessant und gemeinsam planten wir ein Meeting, um ins Detail zu gehen.

Aus der Vision von Tobias enstand wenig später FoodTracks und wir versuchten dem Bäcker Predictive Analytics zu verkaufen, damit dieser weniger Retouren (sprich: Abfall) verursachte. Nur leider verstanden die Bäcker nichts von Predictive Analytics – sie kannte nur das Wort „Bestellprognose“.

Mein Learning an dieser Stelle: Passe deine Wortwahl immer deiner Zielgruppe an. Anglizismen können oft eine Blockade sein – gerade in konservativen Branchen.

Die Social Media Agentur hatte mittlerweile einen Auszubildenden und 3 Mitarbeiter – sie wurde zu einer GmbH (2016) mit über 150.000€ Jahresumsatz. Für manche nicht viel – für mich war es damals sehr viel Geld. Schmerzhafte Bekanntschaft mit dem Finanzamt machte ich, als ich im gleichen Zuge ca. 15.000€ Einkommenssteuer zahlen musste. Mit meiner Social Media Agentur in Bielefeld betreute ich regional und bundesweit Kunden aus Handwerk, Gastronomie und Dienstleistungen. Es machte tierisch Spaß, am Unternehmen zu arbeiten, der sich wie ein Organismus täglich weiterentwickelte.

Parallel dazu hatte ich mit FoodTracks später am Ausbildungsprogramm der Founders Foundation („Founders Camp“) teilgenommen. In 6 Monaten Bootcamp lernten wir alles von Vertrieb, über Marketing und Produktentwicklung bis hin zu HR und Controlling. Ich war für den Vertrieb zuständig und telefoniere mit örtlichen Bäckereien bis die erste Bäckerei anbiss (dank meines Kontakts bei der IHK in Bielefeld) und uns zum Sales-Pitch einlud. Der Bäcker mit über 30 Filialen erzählte uns, dass er hohe Retouren hatte und gerne anhand von Kassen- und Warenwirtschaftsdaten wissen würde, was er denn täglich in welcher Menge in seine Filialen liefern sollte. Bei über 100 Produkten waren das 3.000 Kombinationen täglich, die wir zu lösen hatten. Der Bäcker war bereit 1.000€ pro Monat zu zahlen. Das freute uns sehr!

Tobias und ich versuchten sofort anhand von Open Source-Tools ein Dashboard aufzusetzen. Ich machte weiterhin Vertrieb und wir entwickelten parallel FoodTracks.

Eines Tages erhielt ich eine SMS von Sebastian Borek, der mich gebeten hatte zur Founders Foundation zu kommen. Er teilte mir mit, dass der CEO der Oetker-Gruppe gleich im Büro ankommen würde, um die Startups kennenzulernen. Ich witterte eine Chance und verließ mit meinem Klapprad die G16 Lounge in Richtung Founders Foundation.

Mit aufgeklapptem Notebook setze ich mich hin und bereitete mich auf das Gespräch vor. Als er gemeinsam mit seinem Berater bei mir am Platz war, ging es für mich darum, per Elevator Pitch ihm die Idee von FoodTracks vorzustellen. Nach ca. 3-5 Minuten und ein paar Fragen ging er weiter. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich nicht, dass er Interesse haben könnte an unserer Idee. Später wollte er unser Pitchdeck. 6 Monate investierte die Oetker-Gruppe in FoodTracks (in die Antegon GmbH). OMG! Kann mich mal einer kneifen? Ich befand mich immer noch im Sabbatical und wusste schon zu 99%, dass ich kündigen werde.

Unser Investor wollte, dass ich meine Agentur verkaufte und mich voll auf FoodTracks fokussierte. Deshalb – schweren Herzens – verkaufte ich „Webkarma“ an meine damalige Aushilfskraft. Sein Vater, Investmentbanker, konnte das Geld locker machen. Kurz bevor wir das Investment von der Oetker-Gruppe vertraglich zugesagt bekamen, kündigte ich mit einem einfachen Schreiben bei der Polizei Niedersachsen als Beamter auf Lebenszeit. Wie oft kam solch eine Gelegenheit vor? Ich konnte es nicht glauben…. ABER: Weiter geht’s – ich fühlte, dass es die richtige Entscheidung war. Und ich wusste: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Ich konzentrierte mich als Vertriebs- und Marketingleiter drei volle Jahre auf FoodTracks mit unserem Office in Münster, lernte zahlreiche Bäckereien und tolle Menschen von der Geschäftsführung bis zur Verkaufsleitung kennen, entwickelte eine Business Intelligence-/Controlling-Software, die zu mehr Effizienz und weniger Verschwendung verhilft, baute ein gutes Team auf und lebte genau das, was ich sonst nur aus „Gründerszene” und “Deutsche Startups” kannte. Als One-Man-Show im Vertrieb bereiste ich ganz Deutschland.

Meine Top-Learnings aus der Zeit bei FoodTracks:

1) Hire slow, fire fast

2) Es ist blöd, wenn du komplett abhängig von anderen (z. B. Lieferanten, Freelancern, Mitarbeitern) bist, die es manchmal ausnutzen (z. B. bei Gehaltsvorstellungen)

3) Meist ist die Lösung für ein Problem so einfach und eigentlich direkt vor deiner Nase – wir machen es uns oft nur selbst schwer

4) Konzentriere dich von Anfang an auf den Mehrwert deiner Lösung – was bringt es dem Kunden?

5) B2B-Vertrieb braucht Zeit und Geduld – zwei Faktoren, die für ein Startup tödlich sein können

Nach knapp 3 Jahren Startup-Dschungel entschied ich mich meine Anteile zu veräußern, um wieder in das Agenturgeschäft einzusteigen. Zu diesem Zeitpunkt waren wir bei weit über 1.000€ Monatsumsatz ;).

Mich juckte es unter den Fingern und ich hatte das Bedürfnis neue Ufer zu entdecken. Ende 2019 gründete ich die Aramaz Digital GmbH – Fokus: Digitale Sichtbarkeit von mittelständischen Unternehmen mit Fokus auf die Themen Social Media Marketing, Social Recruiting, Social Media Ads. Nein, dieses Mal setze ich nicht einen Alman-Unternehmensnamen ;), obwohl ich glaube, dass es manchmal schon helfen würde, wenn ich Meyer, Otto oder Müller Digital heißen würde.

Mein derzeitiges Team besteht aus hochmotivierten Personen. Wir geben täglich unser Bestes, um unser kleines Holzboot zu einem großen Schiff auszubauen. Wir sind wie eine Familie geworden und liefern täglich maximalen Mehrwert für unsere Kunden.

Wenn Menschen hören, dass ich meine sichere Verbeamtung aufgegeben habe, dann können sie es oft nicht nachvollziehen oder schütteln mit dem Kopf oder staunen, als sei es was Unnatürliches.

Wenn ich zurückblicke, dann bereue ich überhaupt nichts. Ich bin so zufrieden, dass ich meine Arbeit als Hobby wahrnehme. Im Grunde genommen arbeite seit fünf Jahren nicht mehr. Ich mache das, was ich als Berufung bezeichnen kann und habe darin meine Erfüllung gefunden. Wer kann das von sich behaupten? Mit meiner Familie wohne ich 5 Minuten von meinem Büro in der Innenstadt entfernt. Ich muss nicht im Stau stehen und hocke nicht genervt abends vor dem Fernseher und schaue mir immer dieselben Bad News an.

In den letzten vier Jahren habe ich viel entdeckt und viel gelernt. Und ich bin froh, dass ich nicht wie Steve Job einst sagte, in den Spiel schauen muss und die Antwort auf folgende Frage „Nein“ lautet:

„Wenn heute der letzte Tag meines Lebens wäre, würde ich auch das machen wollen, was mir heute bevorsteht? Und wenn die Antwort für zu viele Tage am Stück “Nein” lautete, wusste ich, dass ich etwas ändern musste.

Für mich heißt es aktuell jeden Tag „Ja“!

Eyüp Aramaz

Ich danke Eyüp für seine Offenheit und detailreichen Einblicke. Auch für die Auflistung seiner Learnings aus den Bereichen seines Werdegangs. Eine tolle Geschichte, die Mut macht und zeigt, dass es sich lohnt Träume verwirklichen zu wollen.

PS. Falls du daran interessiert bist hier deine Gründer- und Unternehmergeschichte zu erzählen, kannst du dich gerne an mich wenden.

Josh

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