Eine besonders große Hürde war es von einer Kollegin zur Chefin zu werden

Eine besonders große Hürde war es von einer Kollegin zur Chefin zu werden

Anja Wolff 2

Ein persönliches Interview mit Anja Wolff von Augenoptik Rothkopf in Düren

Anja und ich kennen uns seit dem Teenageralter. Sie wurde zur Augenoptikmeisterin und übernahm vor vielen Jahren das Optikergeschäft in Düren-Birkesdorf. Ihren Ehemann, Sascha Wolff, zähle ich ebenfalls genauso lange als einen meiner besten Freunde. Wie viele andere lokale Geschäftsinhaber durchlebt auch Anja mit ihrem eigenen Ladenlokal die Corona-Pandemie auf ihre ganz persönliche Art und Weise. In diesem Interview spricht sie mit mir über die Auswirkungen der Krise auf ihre Arbeit, ihr Team, ihre Kunden, ihren Alltag und was sie sich für ihre unternehmerische Zukunft wünscht.

Anja, bitte stelle dich und dein Geschäft meinen Lesern kurz vor.

Mein Name ist Anja Wolff, ich bin 45 Jahre alt und geboren in Düren-Birkesdorf. Seit 1996 bin ich in dem Betrieb Augenoptik Rothkopf tätig, den ich am 05.01.2013 übernommen habe. Augenoptik Rothkopf ist ein traditioneller, handwerklicher Betrieb, der am 16.02.1982 durch meinen Vorgänger Rudolf Rothkopf eröffnet wurde und in dem noch, was besonders wichtig ist, aus eigener Hand hergestellt wird.

 Die anschließende Frage hat es gleich in sich Anja. Es heißt, dass stationäre Geschäfte mit der Entwicklung des Online-Handels auf Dauer nicht mithalten können. Wie siehst du das? Fühlst du dich bedroht?

Dem kann ich nicht zustimmen. In unserer Region gibt es schon seit mehreren Jahren Betriebe, die auch im Online-Handel tätig sind. Wir nehmen den digitalen Vertrieb also genauso solide und ernsthaft wahr, wie den stationären Vertrieb. Was uns die digitale Entwicklung jedoch besonders ermöglicht, ist meiner Ansicht nach, eher die Chance unsere Qualitäten als stationäres Geschäft ausdrücken zu können. Also fühle ich mich nicht bedroht, sondern eher motiviert mich als “traditionellen” Betrieb weiterzuentwickeln. Mein Betrieb, mein Team und ich sind persönlich vor Ort ansprechbar, und sei das Schräubchen noch so klein. Wir können sofort helfen und beraten. Ich denke, dass es einige besondere Unterschiede gibt, die für den Geschäftsbesuch sprechen. Erstens, können wir unseren Kunden im stationären Handel ein persönliches Einkaufserlebnis in entspannter Atmosphäre bieten und zweitens, können wir unmittelbar und mit den Händen greifbar auf die Wünsche und konkreten Bedürfnisse des Einzelnen, wie zum Beispiel durch berufliche oder private Lebensumstände, Gesundheit oder andere sehr individuelle Situationen eingehen. Eine Brille ist mehr als nur eine Sehhilfe. Hier ist Feingefühl und authentischer Dialog mit dem Kunden ein sehr hohes Gut, das wir bei uns tagtäglich leben und lieben.

Hast du eigentlich jemals die Entscheidung für deine Selbständigkeit bereut? Und wenn ja, warum oder warum nicht?

Ich habe die Entscheidung trotz diverser Hürden nicht bereut, weil es bis heute das ist, wofür ich brenne. Seit dem ersten Gedanken daran einen eigenen Betrieb zu begründen ist dieses Feuer nie erloschen. Der Dialog mit unseren Kunden und ihre sehr persönlichen Rückmeldungen sind für mein Team und mich das, was für den Bühnenkünstler der Applaus des Publikums ist. Wir lieben es und gehen wortwörtlich darin auf. Wir verkaufen in meinem Betrieb nicht einfach nur Sehhilfen. Was wir hier machen geht weit darüber hinaus.  Das aufzubauen und zu verantworten erfüllt mich, trotz gelegentlicher Hürden, mit großer Freude. Ich würde es wieder tun.

Kannst du etwas über die Hürden erzählen, die es in deinem Wirken als Selbständige gab, die dich besonders herausgefordert haben oder sogar noch eine Herausforderung sind?

Eine besonders große Hürde war es von einer Kollegin zur Chefin zu werden. Damit hatte ich plötzlich weitere Befugnisse, Verpflichtungen und Verantwortungen inne. Das war zu Anfang keine leichte Aufgabe. Aber ich hatte zum Glück großes Vertrauen im Team und so haben wir uns alle zusammen und gemeinsam entwickelt.

Eine andere Hürde ist, wenn ich das hier so offen sagen darf, die Büroarbeit im Hintergrund. Sie wird einfach nicht weniger und ist wie das Monster unter dem Bett, vor das man sich als Kind immer fürchtet und nicht einschlafen kann. Wir leben in einer sich stetig digitalisierenden Welt, haben aber dennoch enorm viel realen Papierkram zu erledigen und müssen enorm viele Details erfassen und dokumentieren. Ich wünsche mir so sehr, dass sich das irgendwann einmal komplett in automatisierte Prozesse umwandeln lässt und Abläufe vereinfacht werden. Die Arbeit am und für den Kunden ist mir viel lieber, als mich mit administrativem Kram zu beschäftigen.

Welches Ausmaß hat die Corona-Pandemie auf dein Geschäft? Wann hast du erkannt, dass da etwas Ungemütliches auf dich und dein Team zugerollt kommt und welche Maßnahmen hast du sofort ergriffen?

Gemerkt habe ich Anfang März, dass da was auf uns zugerollt kommt und habe daraufhin ein komplettes Hygienekonzept entwickelt, um den Laden öffnen zu können. Im Anschluss an das Hygienekonzept haben wir unser Team in zwei Gruppen aufgeteilt, damit es ausgeschlossen war uns gegenseitig anzustecken. Außerdem habe ich zeitnah diverse Anträge bei den Behörden (wie z.B.: Kurzarbeitergeld) in Auftrag gegeben. Das hört sich jetzt zwar sehr nüchtern an und als hätten wir das einfach mal so aus dem Ärmel gezogen, aber es war schon eine sehr unangenehme Phase, die uns nichts Gutes verhieß. Uns war schon mulmig zumute, weil wir nicht genau wussten, was das alles für uns und unsere Kunden wirklich bedeuten würde.

Wie hat sich der Lock-down auf dein Team und deine Kunden ausgewirkt? Gab es, gibt es Panik und wie agierst du in diesem Fall als Chefin? Wie gehst du mit dem Druck um?

Anfangs haben Angst und Unsicherheiten das Team beschäftigt. Vor allem weil es um unsere Kunden ging, da sie von Anbeginn des Lock-Downs bis Mitte Mai sehr zögerlich ins Geschäft gekommen sind. Jeder, der primär von Laufkundschaft und physischer Kundenbeziehung abhängig ist, wird mir sicherlich nachempfinden können. Das war nicht leicht. Die erste Phase des Lock-Downs war schon hart und unsere sonst so von lebhafter und guter Stimmung gefülltes Geschäft war plötzlich still. Das geht schon sehr emotional an die Substanz. Doch irgendwie haben wir es geschafft das Gefühl der Unsicherheit umzuwandeln. Wir haben das Ganze auch als Chance und Prüfung verstanden, um noch mehr als Team zu wachsen. So, dass es uns gelungen ist wenigstens keine Panik ausbrechen zu lassen. Meine Sorgen als Arbeitgeberin, als Freundin und als Kollegin, drehten sich dennoch um die Beständigkeit des Geschäftes zu kämpfen, die durch meine Familie gelindert werden konnten.

Wie und wo holst du dir die Kraft und den Mut, dich und dein Team in schweren Zeiten durchzuschlagen?

Ich hole mir meine Kraft bei meinem Mann und meiner Tochter, die immer für mich da sind und wissen wie sich mich, vor allem in dieser Zeit, aufheitern und zum Lachen bringen können. Unser Zuhause ist mein Rückzugsort, da kann ich runterkommen und wieder Kräfte sammeln. Ich hoffe, dass jeder, der in einer ähnlichen Situation steckt, jemanden um sich hat, der ihn wieder mit Kraft und Willen aufzuladen vermag. Auf sich allein gestellt, ist es teilweise schon hart. Man wird zwar reifer und erfahrener, aber es gibt im Leben immer wieder Momente, die noch einen Tick über den Erfahrungen liegen, die man schon erlebt glaubte. Daher lernt man einfach nie aus.

Wer oder was inspiriert dich in deinem unternehmerischen und privaten Leben?

Von Anfang an hat mich mein ehemaliger Chef Rudolf Rothkopf inspiriert. Er ist einer, der liebenswertesten und ehrlichsten Meschen, die ich kenne. Seit der ersten Stunde hat er an mich geglaubt, gefördert und unterstützt mich sogar noch heute.

Magst du einen Blick in die Zukunft wagen und mir verraten, was du für die nächsten Monate glaubst zu erwarten?

Ich denke, dass sich das Coronavirus nicht mehr aus den Köpfen und dem Alltag der Menschen bannen lassen wird und wir lernen werden damit zu leben. Auch im Handel und allgemein in der Wirtschaft wird es so sein, dass alle auf dieses Ereignis für immer geprägt sind.

 Der Name deines Geschäfts ist vom vorherigen Inhaber. Was hat dich bewegt den Namen bisher nicht zu ändern?

Erstens, möchte ich mich durch den Erhalt des originalen Namen bei meinem ehemaligen Chef für sein Vertrauen in mich bedanken und zweitens, hat der Name schon immer einen guten Ruf in unserer Branche.

Darüber, den Namen des Geschäfts irgendwann mal zu ändern denke ich zwar ab und zu nach, bin mir aber nicht wirklich sicher. Ich hatte mir mal überlegt diesen Schritt zu machen, wenn ich das Geschäft 2023 zehn Jahre führe, aber ich bin noch unentschlossen. Wir werden sehen. Augenoptik Rothkopf ist ein Stück Birkesdorf.

Gibt es ein besonderes Zitat deiner Eltern, dass sich immer wieder bewahrheitet und auf ewig gültig scheint?

„Wer rastet, der rostet.“  Damit meine ich nicht nur körperliche Anstrengungen, sondern vor allem das Geistige, was sich darauf bezieht, sich immer weiterzuentwickeln, sei es durch Schulungen, Innovationen oder auch durch den Austausch mit verschiedenen Menschen. In alten Zitaten stecken so viele Weisheiten und Erfahrungen drin. Es wäre töricht ihnen keine Beachtung zu schenken.

Liebe Anja, vielen Dank, dass du dir für meine Fragen Zeit genommen hast. Ich wünsche dir viel Erfolg und Kraft weiterzumachen.

Wir sind Abenteurer und Entdecker. Uns begegnen im Laufe unserer Reisen viele neue Dinge, aber auch Gefahren und Risiken. Wir lernen aus ihnen und rüsten uns für die nächsten Gefahren, die da noch kommen. Bleib dran!

Hier geht es zur Webseite: Augenoptik Rothkopf

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