Die Oma in der Bahn

Die Oma in der Bahn

Während meiner morgendlichen Bahnfahrt zur Arbeit saß ich einer alten Dame gegenüber, die offenkundig ihr Interesse an mir nicht verbergen konnte. Vielleicht wollte sie aber auch, dass ich es bemerkte, denn sie lächelte mich unentwegt an.  Neigte gelegentlich ruckartig ihren Kopf auf die eine und dann wenige Sekunden später auf die andere Seite. Für Außenstehende mochte es wohl aussehen, als würden wir bereits ein intensives Gespräch führen und uns gegenseitig sehr aufmerksam zuhören.

Sie trug an ihren Ohren große silberne Ohrringe, die im Takt ihrer Kopfbewegungen klimpernd baumelten. Sie erinnerten mich an Christbaumschmuck. Die Dame beobachtete mich genau und notierte jede meiner Handbewegungen. Wann immer ich zu ihr aufschaute legte sie ihrem Lächeln eine Schüppe drauf und quittierte meine Blicke mit aufgeregten Augenklimpern. Süßer Flirt, dachte ich.  „Sind sie aus Syrien?“  entsprang es ihr dann plötzlich von den Lippen. Gepannt auf meine Antwort verharrte sie wie versteinert mit einem breiten Grinsen und entblößte dabei ihre makellose Zahnreihe. Etwas von ihrem Lippenstift hatte sich auf ihre vorderen Zähne verirrt. Die Frage musste ihr schon eine ganze Weile auf der Seele gelegen haben.

„Nein,  aus Düren.“  lächelte ich zurück.  „Aus Düüüüren“ sagte sie verwundert und lachte herzlich. Ein wundersamer Moment. In welchem Jahr sie wohl geboren wurde? Wie hatte sie bisher gelebt, so dass sich bis jetzt zu diesem einzigartigen Moment sich unsere Pfade kreuzten?

So kamen wir, zwei unterschiedliche Generationen und Kulturen zu einem netten und angeregten Dialog für wenige Minuten zusammen und sollten uns danach nie wieder sehen.

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