Der Nachbarschaftsstreit

Der Nachbarschaftsstreit

Ich war als junger Polizist für einige Wochen im Erftkreis im Einsatz. Eines Tages fuhr ich mit einem älteren Kollegen auf Streife.
Mein Kollege hatte schon viele Jahre an Erfahrungen auf dem Buckel. Was uns an dem Tag allerdings widerfuhr, war auch für ihn eine Begegnung der dritten Art.

Ein Funkspruch der Leitstelle quäkte über den Lautsprecher unseres Streifenwagens, mit der Aufforderung schnellstmöglich zu einem Nachbarschaftsstreit hinzufahren. Die Nachbarn stünden bereits kurz davor sich die Köpfe einzuschlagen. Wir bestätigten den Einsatz und fuhren lärmend zur angegebenen Adresse.

Als wir in die Straße einbogen und das Getöse über unseren Köpfen abstellten, fragte mich mein Kollege, ob ich Lust hätte diesen Einsatz zu leiten. Eine Chance mich zu beweisen dachte ich und willigte schnell ein. Wir parkten, schlossen ab und setzten unsere Mützen auf. Von der Straße zum Hauseingang waren es ca. 20 Schritte, wo wir eine lebhaft gestikulierende Menschengruppe stehen sahen. Wir gingen auf sie zu. Mit aufgerissenen Augen und wild herumfuchtelnden Armen redeten sie sogleich auf uns ein.

Anfangs fiel es mir nicht leicht die Ursache für diesen Tumult zu ermitteln, bis ich erfuhr, dass sich zwei Familien in einen heftigen Streit verkeilt hatten. Sie standen kurz davor die Angelegenheit gewaltsam zu klären.

Die Familie im Erdgeschoss, aus der ehemaligen DDR, und die Familie im dritten Obergeschoss, aus der ehemaligen Sowjetunion, beschimpften sich lautstark und drohten sich mit hochgehobenen Fäusten. Der Flur war zu einer Bühne geworden, in der die Akustik, im Sinne der Hauptdarsteller, jeden Ton verstärkte. Mir schien als wären alle Familienmitglieder beider Parteien zugegen. Wild ging es zu. Mitten in diesem Chaos bekam ich so langsam mit, worum es ging.

Beide Familien führten einen Streit, in dem sie sich gegenseitig als Nicht-Deutsche beschuldigten und gefälligst das Land zu verlassen hätten. Es fielen Beleidigungen und Kränkungen, in denen symbolisch der Deutsche Schäferhund, Willkommensgelder und Sozialhilfen große Rollen spielten.

Nun ja, da stand ich nun, ein deutscher Polizist, mit türkischen Wurzeln, zwischen zwei streitenden Familien und schaulustigen Nachbarn. Und es war meine Aufgabe diesen unwirklichen Streit zu schlichten. Es gelang mir gelassen zu bleiben und mit unermüdlich besänftigendem Tom die Lage zu beruhigen. Ich trennte beide Gruppen und führte die Gespräche ohne die Anwesenheit der jeweiligen anderen Streitpartei.

Im Grunde genommen wusste keiner mehr so genau wo die wirkliche Ursache für den Streit lag. Es hatte sich hochgeschaukelt. Wie so üblich hatte ein Wort das andere ergeben. Eine Anschuldigung führte zur nächsten, bis die Ursache für den Hass schließlich in der Nationalität lag.

Es gelang mir die Gemüter zu beruhigen und die Angelegenheit zu klären. Bald schlossen sich die Türen, die Nachbarn verschwanden wie sie gekommen waren und im Flur wurde es ruhig. Als wäre nie etwas gewesen. Letztendlich war es reine Fleißarbeit, nebst ausdauerndem Zuhören und gutem Zureden.
Was mich selbst und meinen Kollegen anbelangte, so waren wir doch sehr irritiert. Eine merkwürdige Angelegenheit, die sich vor unseren Augen abgespielt hatte. Auf der Wache sorgte das Thema einige Tage lang für Belustigung.

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