Der Glaube an das Gute im Menschen

Der Glaube an das Gute im Menschen

Der Glaube an das Gute im Menschen

Das Gute – eine Spurensuche zwischen Logik und Metaphysik

Der Philosoph Julian Nida-Rümelin behauptete einmal in einem Vortrag, dass der Kern des Humanismus darin bestehe, dass ein Mensch sich von Argumenten beeinflussen lasse und daher in der Lage sei, Autorschaft über sein eigenes Leben zu erlangen. Beides ist aber eng damit verbunden, dass ein Mensch frei sein muss, selbst Entscheidungen zu treffen und diese anschließend zu verantworten. Diese Freiheit beruht wiederum auf dem Glauben, dass der Mensch grundsätzlich gut ist und gute Entscheidungen treffen kann.

Wittgenstein und Hegel

Die fundamentale Annahme, dass ein Mensch zum Guten fähig sei, findet sich bereits in allen großen Weltreligionen. Eine klare Unterscheidung zwischen humanistischer Weltsicht und religiöser Anschauung lässt sich vielleicht am besten anhand der beiden Philosophen Wittgenstein und Hegel herausarbeiten.

Wittgenstein war nicht religiös, ging aber davon aus, dass sich über die „Letzten Dinge“ und damit auch über das „Gute“ nicht sinnvoll sprechen lasse. „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“, lautet der siebte Hauptsatz des „Tractatus logico-philosophicus“. Diese Erkenntnis hat Wittgenstein allerdings nicht davon abgehalten, Vorlesungen über Ethik zu halten. Was Wittgenstein unbedingt vermeiden wollte, war eine Trivialisierung von Ethik, die allein deswegen zustande komme, weil sich logisch nicht darstellen lasse, was in welchem Moment das ethisch Sinnvolle bzw. Gute sei. Das liege daran, dass eine logisch sinnvolle Begründung für das Gute eine Betrachtung der Sachverhalte von außen nötig mache. Man muss eine Situation vollkommen überblicken, um sie logisch und sprachlich adäquat darzustellen. Damit würde man sich allerdings „außerhalb der Logik“ positionieren, was für Menschen unmöglich sei.

Laut Wittgenstein besteht die Gefahr, sich bei der Ausformulierung von angeblich „ethisch Gebotenem“ in sprachliche Gefilde zu verrennen, die nicht mehr die Wirklichkeit abbilden, sondern sie mittels Sprache erschaffen wollen, was immer zum Scheitern verurteilt sei, da Wirklichkeit eine sprachliche Darstellung nach sich ziehe und nicht die sprachliche Formulierung eines Sachverhalts Wirklichkeit erzeuge. Aus diesem Grund verortet Wittgenstein das denkende „Subjekt“ immer an der Grenze zur Welt und nicht als Teil derselben. Für den Glauben an das Gute im Menschen ist aus sprachlicher Sicht daher bei Wittgenstein kein Platz, was ihn jedoch nicht daran hinderte, ein glühender Anhänger Tolstois zu sein und trotz logischer Barrieren fest an das Gute zu glauben.

Hegels Dialektik kommt in dieser Hinsicht als das genaue Gegenteil daher: Sie fordert geradezu zum Kampf divergierender Ansichten heraus. Laut Hegel ermöglicht der dialektische Prozess, dass eine neue Weltsicht erreicht werden kann. Dazu ist es nötig, eine ursprüngliche Annahme (These) zuallererst zu hinterfragen. Dies geschieht durch die Formulierung der Verneinung (Antithese) der ursprünglichen Annahme. In einer dritten Stufe, der Verneinung der Verneinung (Synthese), wird es nun möglich, beiden Annahmen gerecht zu werden, indem man einen übergeordneten Standpunkt einnimmt, der die ursprünglichen Annahmen versöhnt, ohne deren Gegensätzlichkeit zu verneinen oder gar auszulöschen.

Hegel hält es daher für unbedingt erforderlich, sich sprachlich den Herausforderungen zu stellen, die Unterschiede mit sich bringen. Seine Vorstellung eines „Weltgeists“ geht sogar so weit zu behaupten, dass jede Entwicklung irgendwie vernünftig sein müsse, da sie sonst nicht existieren würde. Auch hier manifestiert sich ein fundamentaler Glaube an das Gute im Menschen, der trotz exzessiver Gewalt während der Französischen Revolution weiterhin davon ausging, dass sich die Menschheit in die richtige Richtung entwickelte.

Entwicklung und Telos

Aristoteles gibt dem höchsten Gut den Namen „Eudaimonia“, was häufig mit „Glück“ übersetzt wird. Damit ist aber weniger das „Glück haben“ gemeint als das „glücklich sein“. Glücklich sind Aristoteles zufolge nicht diejenigen, die Ruhm erlangen und Reichtum anhäufen, sondern die Menschen, die dafür Sorge tragen, dass es ihnen und anderen Menschen wohl ergeht. Wohlergehen wird dadurch erreicht, dass man Gutes tut.

Heutzutage wird die Vorstellung eines Telos, also eines Zieles im Sinne einer gerichteten Entwicklung des Menschen, von manchen Philosophen als veraltet betrachtet. Eine „Gerichtetheit“ im Sinne einer Bestimmung, die Menschen zu erkennen oder zu erfüllen hätten, widerspricht dem Zeitgeist und beinhaltet bestimmte Grenzen, die verhindern, dass sich eine Persönlichkeit in alle nur denkbaren Richtungen zerstreuen kann. Einige zeitgenössische Denker empfinden diese Grenzen als Einschränkung und wünschen sich eine freiere Sichtweise auf die Möglichkeiten der menschlichen Entwicklung. Dieser Standpunkt wird bisweilen auch als „Transhumanismus“ bezeichnet.

Robert Spaemann fragt an dieser Stelle, wie frei denn ein Mensch sein kann, der die Augen davor verschließt, was es bedeutet, „Mensch“ zu sein: Jemand, der äußere (natürliche) Zwänge und menschliche Grundbedürfnisse nach Nahrung, Unterkunft, Selbständigkeit und Anerkennung leugnet, um stattdessen Forderungen nach bedingungsloser Selbstentfaltung zu stellen, liefert sich Spaemann zufolge vollkommen diesen äußeren Zwängen aus, beraubt sich somit jeglicher Freiheit. Vereinfacht ausgedrückt: Wer nichts zu essen hat, kann auch nicht herausfinden, worin seine wahre Bestimmung liegt.

Freiheit kann also nicht darin bestehen, Wirklichkeit zu leugnen oder wie Wittgenstein es ausdrückt: Sprache an die Stelle von Wirklichkeit zu setzen und zu hoffen, dass sich diese in Wirklichkeit verwandelt. Freiheit entsteht erst dann, wenn „Eudaimonia“ einkehrt. Eudaimonia kann sich nur manifestieren, wenn dem Sollen ein Wollen vorausgeht und nicht umgekehrt. Diese Haltung wird von Aristoteles als „Hexis“ bezeichnet. Alsdair MacIntyre charakterisiert diese Einstellung zum Guten als „Neigung“. Das Gute ist daher nur dann wirklich gut, wenn es als Seiendes schon da und nicht dem Sollen unterworfen ist.

Sein und Sollen

Odo Marquard hat in seiner Schrift „Hegel und das Sollen“ davor gewarnt, das Gute durch „Sollen“ zu erzwingen. Der Philosoph geht davon aus, dass Menschen einem „Sollen“ in ihren Handlungen immer einen Schritt voraus sind, d. h. von sich aus „besser“ seien, als ihnen dies oft unterstellt werde. Damit unterstreicht Marquard Hegels Ablehnung der Sollensethik Kants, die vor allem deswegen das „Sollen“ kritisiert, weil sie damit das Gute zum Ziel einer Entwicklung deklariert, während das Gute laut Hegel ja bereits Voraussetzung für die Existenz dessen sei, was ist.

Der Glaube an das Gute im Menschen muss also davon ausgehen, dass das Gute bereits da ist und nicht, dass das Gute Ziel einer bestimmten Erziehung ist. Gerade aus diesem Grund sind Humanisten in der Vergangenheit einer Bildung verpflichtet gewesen, die Menschen dabei half, ihr Gut zu entfalten, also „Autor des eigenen Lebens“ werden zu können. Diese Einstellung zur Bildung setzt voraus, dass Menschen dazu gemacht sind, Verantwortung für ihre Handlungen zu tragen. Aus humanistischer Sicht ist eine Erziehung nur dann Erziehung, wenn sie Potentiale freisetzt, die den Menschen im Kern ausmachen und diese nicht hemmt, indem sie bevormundet oder gar davon ausgeht, das Gute müsse einem Menschen erst eingetrichtert werden.

FAZIT

Sowohl Wittgenstein als auch Hegel glaubten an das Gute im Menschen. Ihre Herangehensweise mag sich fundamental unterscheiden, ähnlich wie dies bei gläubigen und nicht religiösen Menschen der Fall ist. Ein anderer Weg zu derselben Haltung ist aber nur wieder die Bestätigung dafür, dass es sich lohnt an dem Glauben an das Gute im Menschen auch dann festzuhalten, wenn dies sinnlos erscheinen mag.

Die Annahme, dass der Mensch an sich gut sei, muss vor aller Erziehung stehen. Das Sollen an sich kann überhaupt nur dann als Tugend erkannt werden, wenn es sich vollzieht, weil etwas gut ist und nicht weil etwas gut werden soll. Ansonsten entstünde das Gute nicht aus Güte heraus, sondern aus Berechnung, um das Ziel des „Guten“ zu erreichen.

Als Telos bzw. Ziel ist daher nicht das „Gutwerden“ zu betrachten, sondern das „Gutsein“ ist die Voraussetzung für eine Entwicklung, die Menschen dazu verhilft, selbständig Entscheidungen zu treffen und zu verantworten. Daher denkt der Humanismus den Menschen von seinem Potential her und nicht von seinen Fehlern und Schwächen. Dass sich dieser Glaube an das Gute nicht immer und überall durchsetzt, weil einige dieses „Gute“ nicht für real halten, hat bereits Platon erkannt, als er von einer „Riesenschlacht um das Wesen“ sprach – eine Auseinandersetzung, der sich wahrscheinlich jeder einmal stellen muss, wenn er sich mit der Frage konfrontiert sieht, ob er das Gute für wirklich hält.

Quelle:

  1. Tetens: Wittgensteins Tractatus, Reclam

Siebter Hauptsatz des Tractatus: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Vielen Dank für´s teilen!

Share on facebook
Facebook
Share on twitter
Twitter
Share on linkedin
LinkedIn
Share on xing
XING

Schreibe einen Kommentar

Mein aktuelles Buch

Sicherheit ist sekundär

Mein aktuelles Buch

Sicherheit ist sekundär