Bequemlichkeit ist nicht zu verwechseln mit Gemütlichkeit

Bequemlichkeit ist nicht zu verwechseln mit Gemütlichkeit

Bequemlichkeit und Gemuetlichkeit

Bewegung und Stillstand

In dem berühmten Zikadenmythos Platons warnt Sokrates eindringlich davor, während der Mittagshitze dem Geräusch der Zikaden allzu bedächtig zuzuhören, weil ansonsten tiefe Müdigkeit drohe. Zikaden seien nämlich in Wirklichkeit durch den Gesang der Musen verzauberte Menschen, die aus lauter Wohlgefallen an der Musik das Essen und Trinken vergessen hätten und schließlich starben. Für Sokrates ist es daher wichtig, trotz der Mittagshitze zu arbeiten und sich nicht der Trägheit hinzugeben. Ist nun alle Muße schlecht? Worin besteht der Unterschied zwischen Gemütlichkeit und Bequemlichkeit?

Gemütlichkeit vs. Bequemlichkeit

Die Ruhe, die Menschen durch Gemütlichkeit empfinden, ist als Schutz vor Burnout oder Überarbeitung sehr wichtig. Gemütlichkeit erfährt man nach getaner Arbeit, als Belohnung oder zur dringend benötigten Ablenkung. Entspannung ist eine Reaktion, die auf eine Anspannung folgt. Gemütlichkeit kann dabei helfen, Entspannung herbeizuführen. Sie stellt sich, wie ihr Name schon sagt, allerdings nur ein, wenn auch das Gemüt zur Ruhe kommt. Das Gemüt kann aber nur dann zur Ruhe kommen, wenn eine Arbeit abgeschlossen ist oder ein Zwischenstand erreicht wurde, der einen annehmbaren Fortschritt auf dem Weg zu einem bestimmten Ziel markiert. Es findet ein Ausgleich zwischen Bewegung und Ruhe statt. Diese Ruhe darf jedoch nicht mit Stillstand verwechselt werden. Denn wer es sich „gemütlich“ macht, bevor er mit einer Arbeit überhaupt begonnen hat oder eine Verpflichtung meidet, die ihn Überwindung kostet, macht es sich in einer Situation bequem, die nicht nur ihm selbst schadet.

Natürlich kennt jeder Tage, an denen die eigene Arbeit nur sehr zäh von der Hand geht. Man kreist um sich selbst und verliert vor lauter Details das Ziel aus den Augen. Es ist sehr verlockend, in solchen Momenten die Schwierigkeiten einfach vor sich herzuschieben, denn meistens ist die Arbeit nicht wirklich interessant oder besonders herausfordernd. Viele werden es bereits bemerkt haben: Durch das Hinauszögern von unangenehmen Verpflichtungen, lösen diese sich nicht in Luft auf, sondern nehmen einen immer größeren Platz in der Planung und Organisation von Tagesabläufen ein. Das liegt daran, dass durch Bequemlichkeit verursachter Stillstand nicht nur das nach außen gerichtete Handeln, sondern auch das Denken lähmt. Denken ist Bewegung, die durch das Verharren an einem Punkt verhindert wird.

Bequemlichkeit als Zustand der inneren Unruhe

Wenn also die Bewältigung von Aufgaben nicht gelingt, kommt es zu einem regelrechten Denkstau. Das Leben wird mechanisch und unpersönlich. Zwar zitiert man das berühmte Bild vom „Hamsterrad“ immer gern im Zusammenhang mit zu hoher Arbeitsbelastung (also einem Zuviel an Bewegung). Es findet allerdings keine tatsächliche Bewegung statt, da sich die eigene Position nicht verändert. Für die Betroffenen entsteht ein extremes Ungleichgewicht zwischen äußerem Stillstand und innerer Unruhe. Psychologen sprechen in diesem Kontext von einem „Status quo bias“, einer destruktiven Kombination aus Desinteresse bei gleichzeitiger Unfähigkeit, sich eine Veränderung überhaupt vorstellen zu können. Die so verstandene Bequemlichkeit hat also nichts mehr mit Komfort oder Ausgeglichenheit gemein, im Gegenteil: Sie verhindert den Zustand von Ruhe und Gleichgewicht.

Als Trägheit definierte Bequemlichkeit kann sich außerdem sehr negativ auf die Mitmenschen einer trägen Person auswirken. Denn auch wenn es dem Umfeld gelingt, sich selbst von diesem Zustand zu distanzieren, färben Unmut und Unzufriedenheit ab. Viele Arbeiten bleiben unerledigt, weil sich bequeme Menschen durch die Aktivität ihrer Mitmenschen häufig noch nutzloser fühlen, was wiederum dazu führt, dass sie immer weniger Lust verspüren, sich für ihre Umgebung zu interessieren. Es kann sogar vorkommen, dass träge und bequeme Personen ihr Umfeld für die eigene Bequemlichkeit verantwortlich machen. Sie erfinden nicht nur Ausreden für das eigene Fehlverhalten, sondern unterstellen ihren Mitmenschen, an ihrer verfahrenen Lage schuld zu sein. Die Wirklichkeit entgleitet immer mehr bis selbst engste Beziehungen und langjährige Freundschaften untragbar werden. Dieser Verlust begünstigt neuerlich das Verharren in der Trägheit.

Um Menschen aus dieser Lage herauszuhelfen, muss man ihnen ein hohes Maß an Verständnis entgegenbringen. Diese Zuwendung aufzubringen, kostet Überwindung, nicht zuletzt, weil es selbst für die betroffene Person unverständlich ist, aus welchen Gründen sie sich in diesem Zustand befindet. Die Befreiung aus der Trägheit braucht ein Ziel und den Wunsch, etwas Sinnvolles beitragen zu können. Was im Einzelnen als „sinnvoll“ begriffen wird, ist sehr unterschiedlich und von der individuellen Ausgangssituation abhängig.

Trägheit des Herzens

Eine noch schwerwiegendere Art von Bequemlichkeit stellt die sogenannte Trägheit des Herzens dar. Mit ihr wird eine sehr fortgeschrittene Art von Bequemlichkeit bezeichnet: Die Unmöglichkeit, Mitgefühl zu empfinden. Im hektischen Alltag stoßen viele Menschen immer wieder an ihre Grenzen und fühlen sich so ausgelaugt, dass sie zu keinen Gefühlen mehr fähig sind – weder für ihre Mitmenschen noch für sich selbst. Das ist ziemlich normal und betrifft jeden irgendwann einmal. Man sollte allerdings vermeiden, sich diesem Zustand tatsächlich hinzugeben, denn durch diese Taubheit verliert man auch das Gespür für die eigenen Vorstellungen und Ziele. Wer sich einmal gestattet, alles egal zu finden, kann gar nicht mehr so leicht damit aufhören. So bemerkte der Poet Friedrich Hebbel in seinen Tagebüchern: „Die Aufgabe des glücklichen Menschen ist, sich zu entwickeln; die des unglücklichen, sich zu vernichten!“

Trägheit muss einem selbst gar nicht sofort auffallen. Manche Menschen haben einfach das Gefühl, „angekommen“ zu sein. Viele Ziele wurden erreicht, einige vielleicht sogar übertroffen. In solchen Augenblicken fällt es hin und wieder schwer, die Perspektive zu weiten, um zu hinterfragen, ob ein Ziel auch wirklich ein Endpunkt war oder ob es nicht doch weitergehen soll – und wenn ja, wohin? Diese sogenannte „Gesetztheit“ kann manchmal dazu führen, dass sich trotz vieler Erfolge Unruhe einstellt, unter Umständen sogar regelrechte Unzufriedenheit.

Für viele Personen ist diese Erfahrung belastend und schwer zu verstehen. Ausspannen und Erholung helfen an dieser Stelle nicht weiter, sondern verschärfen das Problem, da ein Bedürfnis nach Suche besteht, welches sich nur durch Bewegung befriedigen lässt. Ob diese Bewegung gedanklicher Natur ist oder sich durch nach außen gerichtetes Handeln vollzieht, ist eher nebensächlich. Die größte Schwierigkeit bei der Bewältigung dieser Umstände besteht darin, zu erkennen, was schiefläuft und worauf die Unzufriedenheit tatsächlich zurückzuführen ist. Es kann daher sehr hilfreich sein, sich nicht mit bisher Erreichtem zufriedenzugeben, sondern neue Ziele ins Auge zu fassen. Dies können auch kleinere, scheinbar unbedeutende Arbeiten sein. Es kommt vor allem darauf an, Konzentration zu üben, sich mit einer Sache eingehend zu beschäftigen und auf diese Weise aus der Oberflächlichkeit auszubrechen, die durch die Trägheit entstanden ist. Wer sich mit Dingen intensiver auseinandersetzt, empfindet die so verbrachte Zeit fast immer als Erfüllung und nicht als Vergeudung von Energie und Aufmerksamkeit.

FAZIT

Bequemlichkeit ist nicht zu verwechseln mit Gemütlichkeit. Letztere ist notwendig, um sich für erreichte Ziele und bewältigte Aufgaben zu belohnen und dadurch zu entspannen. Entspannung schützt vor Überlastung und trägt dazu bei, leistungsfähig zu bleiben. Bequemlichkeit bedeutet, sich vor Verpflichtungen zu drücken oder immer weiter aufzuschieben. Diese Art von Trägheit zeichnet sich durch äußerlichen Stillstand bei gleichzeitiger innerer Zerrissenheit aus.

Bequemlichkeit schadet nicht nur den trägen Personen, sondern ihrem gesamten Umfeld. Häufig führt eine aktive Umgebung bei trägen Menschen dazu, dass sie noch bequemer werden, jegliches Interesse an ihren Mitmenschen verlieren und diese sogar für ihre eigene missliche Lage verantwortlich machen. Es ist deswegen sehr schwer, bequemen Menschen zu helfen, ihr Leben zu verändern. Diese Aufgabe erfordert viel Geduld und Zuversicht.

Aus diesem Grund ist es wichtig, gar nicht erst in die Bequemlichkeits-Falle zu geraten. Wer trotz großer Erfolge und erreichter Ziele unzufrieden ist, dem fehlt fast immer eine neue Aufgabe. Worin diese besteht, kann sehr unterschiedlich ausfallen. Sie sollte jedoch so fordernd sein, dass sie die Betroffenen aus ihrer Trägheit zu reißen vermag und sich dadurch als sinnstiftend erweist.

 
Quellen:
 

Friedrich Hebbel: Tagbücher, Reclam

„Die Aufgabe des glücklichen Menschen ist, sich zu entwickeln; die des unglücklichen, sich zu vernichten!“

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