Aus der türkischen Unterwelt ins Rampenlicht

Aus der türkischen Unterwelt ins Rampenlicht

Sedat Peker

Sedat Peker: Aus der türkischen Unterwelt ins Rampenlicht – und plötzlich wieder weg

Mitte des Jahres 2021 machte ein Schwergewicht der türkischen Unterwelt mit selbst aufgenommenen Enthüllungsvideos von sich reden – nicht nur in der Türkei. Vor mehr als zwei Jahren musste er nach eigenen Angaben das Land verlassen. Warum werden seinen Worten und seiner Person heute so viel Bedeutung beigemessen? Und warum kommen keine weiteren Videos mehr von ihm?

Eine neue Serie hat in der Türkei in diesem Mai und Juni viele Zuschauer in ihren Bann gezogen. Zehn Folgen umfasste sie, und mit jeder Folge schnellten die Klickzahlen in die Höhe. Wie viele Folgen oder Staffeln es am Ende werden, ist und wurde nicht bekanntgegeben. Zurzeit scheint sie gar ein abruptes Ende gefunden zu haben. Denn es ist nicht die Rede von einer gewöhnlichen Serie, die man etwa auf Netflix oder Amazon zu sehen bekommt. Die echte und nicht fiktive Hauptfigur der Serie ist nicht irgendwer und Kennern der türkischen Politik und erst recht der Unterwelt nicht erst seit diesem Jahr bekannt.

Bei der Hauptfigur handelt es sich um Sedat Peker, einem Mafiapaten, der vor wenigen Jahren Menschen öffentlich mit dem Tod und einem Bad in ihrem Blut drohte. Damals stand er noch voll auf und an der Seite der türkischen Regierung um Recep Tayyip Erdoğan. Doch die Zeiten haben sich mittlerweile geändert. Erdoğan ist zwar weiter an der Macht, Peker aber hat sich mittlerweile von der Regierung abgewandt und lebt nicht mehr in der Türkei.

Seine Videos, die er auf Youtube, Instagram und Twitter hochgeladen hat, sind deswegen so brisant und gefragt, weil Peker in ihnen die Schnittstellen zwischen der Politik und dem Organisierten Verbrechen aufgezeigt und nicht nur sich selbst, sondern einzelne und auch führende Regierungsmitglieder schwer belastet hat. Die Folgen, die zum Teil länger als eine Stunde dauern, stießen auch im Ausland auf ein größeres Interesse.

Schlicht gemacht, große Stahlkraft

„Mit einem Stativ und einer Kamera werde ich euch besiegen“, tönte der Mafiosi in seinem ersten Video. Wen er mit „euch“ meint, stellte er nach und nach vor: Allen voran hat er es auf Süleyman Soylu, seines Zeichens türkischer Innenminister, abgesehen. Als „Süslü Sülüüü“ zog er ihn in nahezu jeder Folge durch den Kakao und ließ ihn zur Strafe auf einem Bein stehen, wohlwissend, dass er wie Millionen andere gerade zuschaute. Soylu war aber bei Weitem nicht der einzige, den Peker auf seine ganz persönliche schwarze Liste gesetzt hat. Auch Mehmet und Tolga Ağar, Vater und Sohn, durften sich einiges anhören. Mehmet Ağar ist einer der Vorgänger von Soylu und vor allem bekannt aufgrund des Susurluk-Skandals.

Jener Skandal im Jahr 1996, der die Verbindungen zwischen staatlichen Institutionen und der Unterwelt offenlegte, führte damals zum Rücktritt des Innenministers Ağar. Und schenkt man den Worten Pekers glauben, hat sich an diesen Verbindungen bis heute wenig bis gar nichts verändert. Dabei war die AKP einst mit dem Wahlversprechen angetreten, die Unterwelt „trockenzulegen“.

Peker präsentiert sich als deren stolzer Vertreter. Was ihn dazu bewog, als solcher in aller Öffentlichkeit mal wütend und zornig, mal humorvoll über Vorgänge in der Unterwelt und deren Verbindungen zu staatlichen Institutionen zu sprechen, darüber lässt sich nur mutmaßen. Besonders getroffen zu haben scheint ihn aber die mittlerweile inflationär gewordene Anschuldigung seitens der Regierung, ein Verräter zu sein. Auch wird gemutmaßt, dass seine Videos mit der Freilassung eines anderen Mafiapaten, Alaattin Çakıcı, zusammenhängen könnten, auf den er allerdings bislang noch gar nicht eingegangen ist.

Turanist durch und durch

Er sei vieles, aber sicherlich kein Verräter, ließ Peker die Zuhörer wissen. Es ist seine ganz persönliche Abrechnung, nicht nur gegen Politiker und andere Größen der Unterwelt, sondern auch gegen „Pseudo“-Journalisten, an denen er kein gutes Haar ließ.

Peker hat schon vor einiger Zeit verstanden, wie er die sozialen Medien geschickt nutzt. Als Blogger begann er, seine Follower an seinen Gedanken teilhaben zu lassen, schnell entdeckte er, dass er mit Videos eine große Reichweite aufbauen kann. Seine zahlreichen Anhänger, die sogar auf TikTok unterwegs sind, sorgen seit einiger Zeit ebenfalls dafür, dass Peker nicht nur auf den Straßen, sondern auch in den sozialen Medien präsent ist.

Anhänger hat Peker übrigens auch in Deutschland, wo er viele Jahre in München lebte. Sie feiern ihn für sein patriotisches und entschlossenes Auftreten, das ein wenig an Polat Alemdar aus der einst sehr beliebten Serie „Kurtlar Vadisi“ erinnert. Peker ist bekennender Turanist, also jemand, der etwa von einem Großtürkischen Reich, mindestens aber von einer kulturellen und politischen Einheit unter den Turkvölkern träumt. Visionen, die unter vielen jungen Türken nicht erst seit den neo-osmanischen Gedankenspielen der AKP Früchte tragen.

Hat sich die Regierung Pekers Schweigen „erkauft“?

Es ist dieser Mix aus mafiösen Drohgebärden, kompromissloser Weltanschauung und dem Eintreten für eine wiedererstarkende Türkei bei einem gleichzeitigen Bruch mit der AKP und ihrem Bündnispartner MHP, die Peker zu einer schillernden Persönlichkeit der türkischen Öffentlichkeit machten. Sein mit großen Worten angekündigtes Video, in dem es in erster Linie um Erdoğan gehen sollte, ist allerdings bis heute nicht erschienen. Warum es generell keine weiteren Videos gibt, weiß so recht niemand.

Nachdem es einige Tage lang ruhig um ihn geworden war, wurden schnell Gerüchte laut, dass der türkische Geheimdienst ihn aufgespürt und womöglich sogar kaltgestellt habe. Doch mit längeren Textbeiträgen in den sozialen Medien dementierte Peker, der zudem zwischenzeitlich an Corona erkrankt gewesen sei, diese Spekulationen. Die Vereinigten Arabischen Emirate, wo er sich derzeit aufhalte, sollen ihm untersagt haben, erneut vor die Kamera zu treten. Womöglich stellt er ein Sicherheitsrisiko für das Land dar, in dem er nach eigenen Angaben eine Firma gegründet und eine dreijährige Arbeitserlaubnis erhalten hat. Oder wurde sein Schweigen womöglich mit einer hohen Geldsumme „versüßt“, da sein Insiderwissen die türkische Regierung und den Präsidenten doch zu stark gefährden könnten? Sein letztes Wort scheint Peker noch nicht gesprochen zu haben…

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